Die Einbalsamiererin - Das 1. Kapitel

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Die Einbalsamiererin

Ein Bestattungsinstitut. 12 Menschen. Ein Mörder

 

Wenn ein Mensch stirbt, nimmt er seine Geheimnisse mit ins Grab – wenn er Glück hat. Denn bevor er zu Staub wird, kümmern sich Bestatter um ihn. Doch als Leiche liegt man nicht bei jedem richtig …

 

Hamburg/St. Pauli, 2016: Plötzlich schwimmen offene Särge mit Mordopfern auf den Fleeten. Kommissar Groll verdächtigt das Beerdigungsinstitut „Haus Grau“, in die Verbrechen verstrickt zu sein. Hier hat die versoffene Hartz-IV-Empfängerin Connie gerade ihre letzte Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen – für 450 Euro im Monat. Widerwillig hilft die übergewichtige Mittdreißigerin den Bestattern und Einbalsamierern bei der Arbeit – und kombiniert, dass der Mörder tatsächlich in „Haus Grau“ arbeitet. Doch wer ist er? Der Totengräber Mr. Todd? Der dubiose „Kisten-Klaus“? Oder gar die Chefin und Chemie-Expertin Frau Grau? Als Connie beim Einbalsamieren auf Spuren stößt, die vom Gerichtsmediziner übersehen wurden, gerät sie selbst ins Visier des Mörders …

 

Eine rätselhafte Mordserie …

Ein geheimnisvolles Pferd …

Und ein verdächtiges Bestattungsinstitut …

Früher oder später landen wir alle bei Bestattern – egal, ob wir begraben, verbrannt oder verstreut werden.

Doch was passiert wirklich hinter den Kulissen dieser Branche?

Das wissen nur Bestatter selbst.

Und bald auch Sie!

Denn nach der Lektüre dieses Krimis sehen Sie den Tod und diejenigen, die täglich mit ihm zu tun haben, mit anderen Augen – und kennen die Antworten auf Fragen wie diese:  

Gibt es den perfekten Mord? Wie kommen Bestatter mit den Tragödien klar, die sie sehen? Wie werden optisch angegriffene Leichen – etwa nach dem Sprung von einem Hochhaus oder einer langen Chemotherapie – wieder vorzeigbar gemacht, und warum gehen Thanatopraktiker dafür in den Baumarkt? Welche Gifte täuschen einen natürlichen Tod vor – und welche sind nicht nachweisbar? Was sind sichere Todeszeichen – und kann man eine Todesursache immer feststellen? Wie oft kommt es vor, dass sich eine Leiche noch bewegt – oder die Augen öffnet? Wie sieht ein Toter aus, wenn man den Sarg nach 15 Jahren wieder ausgräbt? Kann jeder eine Obduktion veranlassen, wenn er glaubt, dass jemand ermordet wurde? Wie schützt ein Beerdigungsinstitut die Anwohner vor Giften, die ins Grundwasser gelangen könnten, was machen Haustiere, wenn sie tagelang mit ihrem toten Herrchen allein sind – und was ist von Bestattern zu halten, deren Verstorbene bei der Aufbahrung fremd und künstlich aussehen?

Ja, „Die Einbalsamiererin“ gibt Antworten auf Fragen wie diese …

 

Wie der Krimi entstanden ist? Und warum?

Ganz einfach!

Eines Tages erzählte mir ein krebskranker Freund, dass er nach seinem Tod thanatologisch versorgt werden wollte.

Thanatologie?

Diesen Begriff hatte ich noch nie gehört. Als ich ihn googelte, stieß ich auf die faszinierende Welt der Einbalsamierer und Thanatopraktiker – und begleitete sie ein Jahr bei der Arbeit.

 

 

Herodot, 484-424 vor Christus:

Sie legen den Leichnam für die angegebene Zahl von Tagen in Salz, an dessen letztem sie das zuvor Eingespritzte ablassen, und dieses ist so stark, dass es die Därme und das Innere in aufgelöstem Zustand mit sich führt; auf der anderen Seite löst das Natron das Fleisch auf, so dass tatsächlich nichts als Haut und Knochen übrigbleibt.

 

Johnson Dodge, 1848-1926:


Wie man einen verstümmelten Leichnam behandelt und ihn wieder vorzeigbar macht, sollte Bestandteil der Ausbildung der Thanatopraktiker sein. Gründlicher Unterricht in dieser schwierigen Kunst sollte von den Ausbildern erteilt werden. Aber dieser Teil der Arbeit erfordert besondere Erfahrung und einige Übung, um ihn erfolgreich auszuüben oder zu lehren.

 

1. Kapitel: Nur über meine Leiche

 

Natürlich wäre es gerechter gewesen, wenn der Tod früher zu Stoltenberg gekommen wäre.  Aber weil er erst kurz vor Mitternacht ins Leben seines Opfers trat, wurde der arme Tropf von seinem eigenen Ableben überrascht. Denn Stoltenberg war schon so müde, dass er nicht mal die Warnungen hörte.

Dabei sagte die Fernsehstimme laut und deutlich: „Der Tod ist unvermeidlich. Er ist ein Versprechen, das jedem von uns bei der Geburt gegeben wird. Aber ehe dieses Versprechen eingelöst wird, hoffen wir alle, dass uns etwas widerfährt. Sei es das Prickeln einer romantischen Liebe, das Glück eine Familie zu haben oder reich und mächtig zu werden. Wir alle hoffen, etwas zu erfahren, das unserem Leben einen Sinn gibt. Aber das Traurige ist, dass nicht jedes Leben von Sinn erfüllt ist. Manche Menschen verbringen ihre Zeit auf diesem Planeten nur damit, am Spielfeldrand zu sitzen und darauf zu warten, dass ihnen etwas widerfährt, ehe es zu spät ist …“

Stoltenberg sah auf die Uhr.

Es war fünf vor Zwölf Uhr am 21. Dezember 2015.

Stoltenberg schaltete den Fernseher aus, und die Stimme, die über Leben und Tod philosophierte, verstummte.

Der 55-jährige Leiter des Hamburger Finanzamts erhob sich so leise vom Sofa, dass seine 30 Jahre jüngere Geliebte ungestört weiterschlafen konnte.

Dann griff Stoltenberg nach seinem Smartphone.

Das Display verriet ihm, dass ihm sein Sohn bereits mehrere WhatsApp-Nachrichten geschickt hatte.

Stoltenberg las die erste.

Sie lautete: „Cindy ist nicht nach Hause gekommen. Falls du etwas von ihr hörst, sag mir Bescheid. Du weißt ja … sie ist in letzter Zeit so komisch.“

Der Inhalt der anderen Nachrichten war ähnlich – und zuletzt hatte Stoltenbergs Sohn sogar eine Sprachnachricht hinterlassen. Darin kündigte er an, dass er eine Vermisstenanzeige aufgeben würde, wenn Cindy beim Morgengrauen noch immer verschwunden wäre: „Tut mir leid, Dad, dass ich dich damit während deiner Geschäftsreise nach Brüssel belästige – aber ich habe das Gefühl, dass Cindy etwas Schlimmes passiert ist. Ruf mich an! Mama ist … ach, vergiss es … Gute Nacht!“

Stoltenberg knirschte mit den Zähnen.

Zu gern hätte er seinen Sohn beruhigt und ihm erzählt, dass Cindy schlafend auf dem Sofa in seinem Hotelzimmer lag und er selbst gar nicht in Brüssel, sondern in Hamburg, war.

Doch ihm fehlte der Mut, seinem Sohn zu gestehen, dass er sich rettungslos in dessen Verlobte verliebt hatte.

Stoltenberg deaktivierte sein Smartphone.

Jetzt musste er schlafen, und neue Kraft tanken – Kraft für den Bruch mit seinem Sohn und den unvermeidlichen Scheidungskrieg mit seiner Ehefrau.

Monatelang hatte sich Stoltenberg mit aller Kraft gewehrt gegen seine verbotenen Gefühle und war Cindy stets aus dem Weg gegangen. Doch am Abend seiner Silberhochzeit hatte sie ihn übermütig und beschwipst auf die Tanzfläche gezogen, und ihn dabei unschuldig angelächelt.

In diesem Moment waren sie beide vom Blitz getroffen worden.

Amor hatte gezielt zugeschlagen.

Stoltenberg erinnerte sich an jede der 78 Drehungen während seines Walzers mit Cindy. Denn obwohl der Tanz nur vier Minuten gedauert hatte, verflüchtigte sich bei jeder Drehung eine weitere Erinnerung an seine Frau, seinen Sohn, ihr gemeinsames Leben und seine Alltagspflichten.

Selbst heute war ihm immer noch schwindlig, wenn er an diesen Walzer dachte.

Es hatte nur Cindy und ihn gegeben.

Damals wollte er alles für seine Zuckerpuppe tun.

Damals wollte er, dass sie glücklich war.

Und damals war er selbst glücklich gewesen, wenn sich ihr kirschroter, süßer Mund auf seine Lippen gepresst und ihn eine neue, unbekannte Energie überflutet hatte.

Die Zeit war wie im Rausch verflogen.

Nach einigen Wochen jedoch erwachte Stoltenbergs Gewissen und nach Monaten der Lügen, „Geschäftsreisen“ und heimlichen Hoteltreffen wurde sein Liebeswahn durch eine unsanfte Bruchlandung beendet.

Denn Cindy stellte plötzlich Forderungen, und mehr noch: sie wollte mit ihm durchbrennen.

Das jedoch war ausgeschlossen!

Heute hatte Stoltenberg endlich einen Schlussstrich unter seine Affäre ziehen wollen.

Doch er machte die Rechnung ohne Cindy.

„Ich bin schwanger“, sagte sie, „wir bekommen einen Sohn. Ich bin bereits in der neunten Woche. Unserem Glück steht nichts mehr im Wege.“

Zuerst war Stoltenberg geschockt.

Aber nach reiflichem Überlegen befand er, dass er lange genug am Spielfeldrand gesessen hatte, während das Leben an ihm vorbeizog.

„Ich will das Baby“, flüsterte Roman. „Es ist die Frucht meiner Liebe zu Cindy.“

Die Zukunft würde schön und süß.

So süß wie … das restliche Tiramisu im Kühlschrank.

Stoltenberg überlegte kurz, ob er seiner plötzlichen Gier nachgeben sollte.

Dann jedoch entschied er sich anders. 

Um 23.55 Uhr betrat Roman Stoltenberg das Badezimmer.

Er musterte sich zufrieden im Spiegel. Für einen 55-Jährigen hatte er sich verdammt gut gehalten. Er war potent, schlank und vital – ein Mann im allerbesten Alter.

„Duschen und anschließend mit Cindy Tiramisu im Bett genießen?“, fragte er den Spiegel und sein Gegenüber nickte angesichts der Aussicht auf zwei verführerische Reize, die sich hervorragend miteinander kombinieren ließen.

Ja, der Tod ist unvermeidlich.                                                                             

Er ist ein Versprechen, das jedem von uns bei der Geburt gegeben wird. Aber ehe dieses Versprechen eingelöst wird, hoffen wir alle, dass uns etwas widerfährt – und sei es die Aussicht auf eine junge Geliebte und eine paradiesische Zukunft mit ihr und einem Sohn, der uns Unsterblichkeit schenkt.

Stoltenberg zog den Duschvorhang zur Seite.

Dann stieg er in die Dusche.

Die Zukunft war ein großes Versprechen.

Ganz anders als die Gegenwart.

Denn die entpuppte sich als Falle.

Ja, der Tod ist unvermeidlich.

Aber manchmal können wir ihm noch einmal entkommen, wenn wir uns für die richtigen Dinge entscheiden – etwa für ein Tiramisu statt für eine Dusche, mit der wir unsere klebrigen Sünden abwaschen wollen.

 

 

Frau Grau öffnete den vertraulichen Teil des Totenscheins.

„Unterzuckerung?“, fragte sie erstaunt und blickte den Gerichtsmediziner Professor Rätte an.

Der Forensiker nickte.

„Bei der Obduktion“, entgegnete Rätte und fuhr sich dabei durch die roten Locken, „habe ich herausgefunden, dass Stoltenberg Diabetiker im fortgeschrittenen Stadium war … äh … äh …  Höchstwahrscheinlich hat er nichts davon gewusst, denn sonst hätte er vor dem Duschen bestimmt noch was Süßes gegessen. Sein Blutzuckerspiegel war völlig im Keller. Stoltenberg muss einen irren Drang nach … äh … äh … etwas Süßem gehabt haben – und bestimmt war ihm so schwindlig, als hätte er die ganze Nacht Walzer getanzt. Aber aus irgendeinem Grund hat er nicht einmal ein Stückchen Schokolade gegessen. Stattdessen stieg er gegen Mitternacht völlig unterzuckert in die Dusche – und ist dort ohnmächtig geworden.“

„Genickbruch?“, fragte Frau Grau neugierig.

Rätte schüttelte den Kopf. „Nein! Zuckerschock! Doch die eigentliche Todesursache ist viel verrückter. Denn Stoltenberg ist … äh … äh … zusammengesackt und dann langsam mit dem Kopf zu Boden geglitten. Als er dort lag, hat sich sein Körper so blöd auf die Seite gedreht, dass seine linke Wange den Abfluss versperrte. Deshalb stieg das Wasser an und kurz darauf ist Stoltenberg ertrunken. Als ihn seine Geliebte gegen 3 Uhr morgens fand, war er bereits kalt und steif.“

Nun schnupperte Frau Grau an dem Toten. Stoltenberg roch etwas süßlich.

„Azeton?“, fragte die Bestatterin.

Rätte nickte.

„Aber könnte es nicht auch ein Mord gewesen sein, Herr Professor? Vielleicht hat seine Geliebte einen Föhn oder ein elektrisches Glätteisen in die Wanne geworfen!“

Rätte zwinkerte. „Gut kombiniert! Aber der Tote weist keine Verbrennungen auf, und als die Polizei ins Hotel kam, war die … äh ... äh ... Leichenstarre noch nicht eingetreten – wie es normalerweise bei einem Stromschlag der Fall ist.“

„Doch seit wann hatte Stoltenberg überhaupt eine Geliebte? Ich war kürzlich noch auf seiner Silberhochzeit und …“

Rätte unterbrach sie sanft: „Meine liebe Frau Grau! Sie wissen doch selbst, wie leicht Männer in Stoltenbergs Alter … äh … äh … verführbar sind – besonders, wenn ihre zukünftige Schwiegertochter dem horizontalen Gewerbe entstammt.“

Der Professor verdeckte den Schambereich des Toten mit einem Tuch: „Als sich Stoltenbergs Sohn in Cindy Heinicke verknallte, hat sich Stoltenberg ebenfalls in die betörende Bordsteinschwalbe verliebt. Deshalb starb Stoltenberg auch in einem … äh … äh … Stundenhotel … Es ist dieselbe Leier wie immer: In unserem Job brauchen wir kein RTL. Aber ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie die Trauerfeier des Jahres an Land gezogen haben?“

Frau Grau nickte: „Ich weiß, es ist ein wichtiger Auftrag.“

„Es ist der … äh … äh … dickste Fisch in der Elbe! Stoltenberg war der wichtigste Berater des Finanzsenators. Ganz Norddeutschland wird sehen wollen, wie Sie die Trauerfeier gestalten. Das könnte Ihre finanzielle Rettung sein. Vorausgesetzt …“

„ … dass diesmal alles gut geht?“

„Das muss es wirklich! Gibt’s immer noch Probleme mit Ihren Trauerfeiern?“

Die Bestatterin nickte. „Probleme sind das falsche Wort. Es handelt es sich um Sabotage! Mein Ruf soll gezielt ruiniert werden. Vor 14 Tagen lief plötzlich Highway to Hell statt Ave Maria – während einer Trauerfeier. Und drei Wochen zuvor hatte der Totengräber ein völlig falsches Grab ausgehoben. Wir standen bereits mit der Trauergesellschaft auf dem Friedhof, als … Ach, ich will nicht länger daran denken! Aber ich bin mir sicher, dass mein Bruder dem versoffenen Eddie 50 Euro in die Hand gedrückt hat, damit der das falsche Grab aushob. Klaus sabotiert mich, wo er nur kann – weil er mir meine letzten Kunden auch noch wegnehmen will.“

„Aber haben Sie schon einen Verdacht, welcher Ihrer Angestellten Ihrem Bruder bei den … äh … äh … Sabotagen hilft?“

Frau Grau schüttelte traurig den Kopf. „Das ist es ja … jeder von ihnen ist vertrauenswürdig. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wer der Wolf im Schafspelz ist …“

 

 

Frau Grau musterte ihr Team.

Gerade hatte sie ihren Angestellten eingeschärft, dass bei Stoltenbergs Trauerfeier nichts schiefgehen durfte.

„ … denn die Beisetzung ist jetzt schon kompliziert genug“, erklärte die Chefin. „Uns erwartet ein Großkampftag mit Stoltenbergs betrogener Witwe, seinem ebenso betrogenen Sohn und seiner schwangeren Geliebten. Übrigens wollte Cindy Heinicke bereits die komplette Organisation an sich reißen, und sie hat sogar den Bürgermeister gebeten, eine Rede zu halten.“

„Heißt das, er hat zugesagt?“, rief Frau Gretel. Die angegraute Vorzimmerdame mit dem altmodischen Dutt war erstaunt, denn obwohl sie bereits für Frau Graus Eltern gearbeitet hatte, war noch nie ein Bürgermeister bei einer Trauerfeier gewesen.

„Nein“, antwortete Frau Grau, „er will sich nicht vor den Karren von Frau Heinicke spannen lassen. Der Bürgermeister hat abgesagt, woraufhin sich Cindy Heinicke an Pfarrer Pettigrew wandte, der wiederum beleidigt ablehnte, weil er nicht die zweite Wahl sein will. Daraufhin jedoch hat Frau Heinicke Pfarrer Pettigrew gegen den Kirchenvorstand, den sie persönlich kennt, ausgespielt und letztlich hat Pfarrer Pettigrew nun doch widerwillig zugesagt. Aber Stoltenbergs Witwe und ihr Sohn möchten, dass Superintendant Dodge die Trauerrede hält.“

„Aber nach wem richten wir uns?“, fragte der Azubi Trick Emsig, den alle nur „Babyface“ nannten. Babyface blickte Frau Grau so unterwürfig an, dass er seine Kollegen zum tausendsten Mal an einen wohlgenährten, treudoofen Hund erinnerte. 

„Nach der Witwe“, antwortete Frau Grau. „Stoltenbergs Beerdigung wird die Trauerfeier des Jahres. Dabei muss alles glattgehen! Gibt’s sonst noch irgendwelche Fragen?“

„Jo“, rief Boschko Klüsekamp, ein bauernhafter Mann mit Knollennase. Er arbeitete erst seit einem Monat in Haus Grau, sprach häufig westfälisches Plattdeutsch und war für fast jede „Abholung“ mit dem Leichenwagen zuständig: „Wann soll ich dat Luik abholen?“

Frau Grau blickte in eine Mappe: „Momentan ist Stoltenberg – wir reden hier nicht von ‚dat Luik’ – … also momentan ist der Verstorbene noch in Rättes Polizeischauhaus. Der Professor informiert uns.“

Nun stellte der Totengräber Michael Todd eine Frage. Ein Mann mit Halbglatze, der aussah wie Kojak: „Gibt’s eine öffentliche Aufbahrung und einen Abschied am offenen Saaarg?“ 

Frau Grau schüttelte den Kopf und wandte sich an ihren Chef-Einbalsamierer Fritz Fischer, einen tätowierten Riesen, dessen Bassstimme so dröhnte, als sei er ein Wiedergänger des Drachentöters Siegfried: „Auf Wunsch der Witwe bleibt der Sarg zu. Witwe Stoltenberg möchte ihren toten Gatten nicht mehr sehen, obwohl ich es ihr natürlich angeboten habe. Die Trauerfeier findet am 30. Dezember um 9.30 Uhr statt – in unserer Kapelle. Morgen besuche ich die Witwe, um die Anzeige zu besprechen. Babyface hat die Sterbefallanzeige, die Familienstandsurkunden, die Meldebescheinigung und den Totenschein bereits zum Standesamt gebracht – also sind die Sterbeurkunden morgen fertig. Und Sie, Frau Gretel, müssen nach dem Trauergespräch die Anzeige ans Hamburger Abendblatt schicken.“

Die graue Maus nickte gehorsam, doch die stellvertretende Einbalsamiererin Bettina Krämer äußerte Bedenken: „Aber was, wenn sich die Familie umentscheidet und Stoltenberg doch nochmal sehen will? Ich finde, dass wir zumindest den Kopf und die Hände vorzeigbar machen sollten. Sonst könnte Stoltenberg verwesen.“

„Ein guter Einwand“, lobte Frau Grau. „Stoltenbergs linke Gesichtshälfte ist stark verfärbt. Sie müssen die Totenflecken ausspülen, verfärbte Stellen bleichen, Hautablösungen mit Wachs auffüllen, Schwellungen punktieren, Ätzmittel in sein blaues Auge injizieren, alles mit dem elektrischen Maleisen glätten und dann die ursprüngliche Gesichtsfarbe aufbringen – inklusive seiner Besenreißer, die Sie mit violetter Farbe und einem Schwämmchen auftüpfeln. Außerdem, ich brauche es wohl nicht erwähnen, müssen Sie …“

„ … aufpassen, dass mir Kisten-Klaus nicht dazwischen pfuscht?“, fragte die Einbalsamiererin.

Frau Grau nickte. „Besonders das, Betty, besonders das!“

 

 

 

Betty Krämer erwachte mitten in der Nacht.

Es war 3.47 Uhr.

In Haus Grau war es stockdunkel und mucksmäuschenstill, doch obwohl die blonde Bestatterin ein Apartment unter dem Dach bewohnte, hatte sie genau gehört, dass im Erdgeschoss eine Tür geöffnet worden war – weil eine zerbrochene Bodenfliese, die Michael Todd jüngst zerschmettert hatte, ächzte und knarrte.

Betty wusste, dass es sich dabei um die Fliese vor der begehbaren Kühlkammer handelte. Sie band sich einen Pferdeschwanz und schlüpfte rasch in ihre Pantoffeln..

Dann griff sie nach ihrem Smartphone.

Diesmal würde sie Kisten-Klaus in flagranti ertappen bei einer seiner Sabotagen – und dem Bruder ihrer Chefin ein für alle Mal das Handwerk legen.

Zugegeben, Klaus Grau war ein Bild von einem Mann und er hatte Betty im Traum bereits mehrfach auf dem Hintersitz seines goldmetallicfarbenen SUVs verführt. Aber seit er ihre Chefin immer skrupelloser und einfallsreicher sabotierte – und Frau Grau durch seine Schuld immer mehr Kunden verlor, stand auch Bettys Job auf dem Spiel. Deshalb wollte sie beweisen, dass er sich zu nächtlicher Stunde an Stoltenbergs Sarg zu schaffen machte – mithilfe eines Fotos.

Betty schlich leise nach unten.

Sie konnte sich nicht vorstellen, wer Klaus ins Haus gelassen hatte, aber dass einer ihrer Kollegen ein Komplize von ihm war, erschien ihr einleuchtend.

Auf Zehenspitzen glitt Betty weiter.

In der Dunkelheit funkelten die Augen von Frau Graus Katze.

Das Tier jagte Mäuse in dem alten Gemäuer.

„Psssst, Mama Pfote“, raunte die Bestatterin.  

Die Katze miaute und verschwand in der Nacht.

Schritt für Schritt näherte sich Betty nun dem Erdgeschoss.

Im ersten Stock hörte sie das Schnarchen ihrer Chefin hinter deren Schlafzimmertür.

Ansonsten war alles ruhig.

Ob sie Kisten-Klaus wirklich in flagranti ertappen würde?

Ob er es tatsächlich wagte, Stoltenbergs Walnusssarg zu öffnen, um die Leiche zu entstellen?

Und ob sie endlich herausfinden würde, wer mit ihm unter einer Decke steckte?

Betty tippte auf die Aushilfe Edna Übel, die fast immer so seltsam lächelte wie die Mona Lisa.

Von detektivischem Ehrgeiz angetrieben schlich die Bestatterin so vorsichtig vorwärts, wie eine Hofdame in finsteren Zeiten in die geheimen Zimmer ihrer Herrin eindrang.

Sie erreichte das Erdgeschoss, huschte vorbei am Versorgungsraum und den Spinden und erreichte dann die Kühlfächer, wo die Leichen gelagert wurden.

Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, unterdrückte Betty einen Schrei.

Es waren nur acht von neun Fächern verschlossen!

Betty sah, dass der verunglückte Motorradfahrer in Fach 1, die an einem Herzinfarkt gestorbene 155-Kilo-Frau in Fach 2, die von einer Treppe gestürzte Lehrerin in Fach 3, die an Syphilis gestorbene Italienerin in Fach 4, der krebstote Afrikaner in Fach 5, der selbstmörderische Teenager in Fach 6, der von seinem Dackel angeknabberte Junkie in Fach 7 und das magersüchtige Mädchen in Fach 8 alle da waren.

Doch die neunte Tür stand sperrangelweit offen.

Irgendjemand hatte Stoltenberg stehlen wollen!

Aber sie, Betty Krämer, war in weiser Voraussicht klüger gewesen als der Dieb. Als hätte sie geahnt, dass es heute Nacht noch Probleme geben würde, hatte sie ihrem Kollegen Michael Todd bereits um 19 Uhr eine WhatsApp geschickt – und ihm darin mitgeteilt, dass sie Stoltenberg bereits jetzt einsargen – und ihn dann in einem Nebenraum der Kapelle einschließen würde.  

Betty spähte durch die angelehnte Hintertür, die eigentlich immer verschlossen sein musste.

Dann schlich sie durch den Hof zur Kapelle und glitt durch den geöffneten Seiteneingang.

In der Kapelle flackerte eine große Kerze, und die Blondine sah eine dunkle Gestalt, die sich über Stoltenbergs geöffneten Sarg beugte.

In Bettys Hirn kreisten die Gedanken.

Wer hatte Stoltenberg aus dem Nebenraum geholt – und in die Kapelle geschoben?

Was sollte sie jetzt tun?

Zurückeilen und Alarm schlagen?

Oder, sie blickte auf ihr Smartphone, sich an ihren ursprünglichen Plan halten und todesmutig ein Beweisfoto machen?

Plötzlich spürte sie, dass Mama Pfote ihren Kopf an ihrem Bein rieb.

Die schwarze Katze miaute verräterisch.

Wie in Zeitlupe drehte sich der Eindringling daraufhin um, das Gesicht unter einer dunklen Kapuze verborgen.

In Bettys Hand zitterte das Smartphone.

Aber bevor sie es entsperren und den Kapuzenmann ablichten konnte, übermannte sie die Feigheit – und ihr Instinkt befahl ihr, zu fliehen.

Doch der Kapuzenmann war schneller!

Er ergriff ihr Handgelenk. Dann zog er Betty in die dunkle Kapelle.

„Warum … du …?“, flüsterte sie ungläubig, als der Kapuzenmann seine Kutte zurückschlug und ihr brutal die Kehle aufschlitzte …

Es waren ihre letzten Worte.

Betty röchelte.

Zwei Sekunden später breitete sich – wie eine erblühende Rose – ein Blutfleck auf ihrem Nachthemd aus.

Sie glitt auf eine Schaufeltrage.

Als Bettys Blick brach, murmelte der Kapuzenmann: „Ein guter Schnitt!“

Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

Bis zur Trauerfeier waren es nur noch vier Stunden.

„Wir schaffen das“, flüsterte der Kapuzenmann der Katze zu – „schließlich geht’s um die Überraschung des Jahres …“

 

 

 

„Gott sei Dank läuft alles glatt“, raunte Frau Grau Michael Todd zu.

Gerade öffneten die Bestatterin und ihr glatzköpfiger Angestellter die Kapellentür, und die Trauergemeinde strömte aus dem Bethaus Richtung Friedhof.

Frau Grau und der Totengräber setzten sich an die Spitze der Beerdigungsgesellschaft, die aus Hunderten von Gästen bestand. Dort konnten sie sich leise unterhalten, weil die Glocken ihre Stimmen übertönten. 

Michael Todd war unzufrieden.

Der Glatzkopf musterte seine manikürten Fingernägel, deren einziger Makel schwarze Ränder waren, und näselte leise: „Wenn Frau Greeetel nicht bemerkt hätte, dass die Traueranzeige im Abendblatt falsch war, wäre der Schuss nach hinten losgegangen. Ich verwette meinen Hintern, dass Kisten-Klaus dem Abendblatt nachträglich ein falsches Datum für die Trauerfeier gefaxt hat.“

Frau Grau nickte mit ernster Miene. Dann jedoch hellte sich ihr Gesicht auf: „Aber diesmal hat mein Bruder die Rechnung ohne Frau Gretel gemacht, denn die lässt sich neuerdings immer einen Korrekturabzug schicken. Was würde ich nur ohne sie machen?“

„Aber wo ist …?“, fragte Todd und zog seinen schwarzen Schal enger, weil ihm nun der Winterwind ins Gesicht blies, „wo ist eigentlich Betty Krämer? Sie hatte mir abends gesimst, dass sie Stoltenberg in den Nebenraum der Kapelle schieben würde. Aber seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.“

„Tatsächlich?“, fragte Frau Grau erstaunt. Dann jedoch wurde sie vom Superintendanten abgelenkt, weil der Redner wissen wollte, wie weit es noch bis zum Grab wäre.

Die Bestatterin konzentrierte sich wieder auf die Trauerfeier.

„Nur noch einmal links, dann rechts und dann wieder zweimal links“, murmelte Frau Grau.

Hinter sich hörte sie Stoltenbergs schluchzende Mutter – aber auch ein leises Zischen.

Die Witwe stritt mit der Geliebten.

„Hoffentlich spielen die beiden gleich nicht das Eifersuchtsduett aus der Dreigroschenoper naaach“, raunte der Totengräber seiner Chefin zu, doch Frau Grau blickte stur nach vorne und rückte dann ihr Hütchen gerade.

Denn je aufgeregter sie war, desto ruhiger wirkte sie.

Aber fünf Minuten später entglitten ihre Gesichtszüge, weil just in der Sekunde, als der Superintendant die Sargträger angewiesen hatte, den Verstorbenen niederzulassen und die Witwe bereits nach der Sandschaufel griff, Cindy Heinicke die Hand hob.

„Stopp!“, rief Stoltenbergs Geliebte. „Ich will Roman nun doch noch mal sehen.“

Die Witwe starrte sie wütend an.

Sie umklammerte die Sandschaufel so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden – und Todd glaubte bereits, dass er das nächste Grab für Cindy Heinicke ausheben musste.

Doch Frau Grau stellte sich in letzter Minute zwischen die Gattin und die Geliebte.

Zuerst wollte sie Cindy beruhigen.

Dann appellierte sie an ihre Pietät.

Doch beide Strategien versagten.

Alsbald verstummten auch die Glocken, und es wurde totenstill.

Und als es zu schneien begann und der Winterhimmel seinen weißen Schleier der Unschuld über die Witwe und die Geliebte ausbreitete, wurde der Sarg von Roman Stoltenberg doch noch mal geöffnet und die Träger, deren Nasen durch Eiseskälte und zu viel Whisky rotviolett verfärbt waren, hoben knurrend den Deckel an.

Dann schrie jemand – und obwohl es zahlreiche Augenzeugen gab, ging alles so schnell, dass später niemand sagen konnte, ob der Schrei Cindy entstammte oder der Witwe.

Weil beide zuvorderst an der Grube standen, sahen sie als Erste, was tatsächlich im Sarg lag. Geschockt blickten sie einander an und drehten sich in Zeitlupe um.

„Wo ist mein Mann?“, fragte die Witwe. „Warum liegt da eine Urne im Sarg?“

„Ist dieses Ding da etwa das künstliche Hüftgelenk von meinem Vater?“, rief Stefan Stoltenberg schockiert.

„Wie ist Roman in diese kleine Vase reingekommen?“, staunte Stoltenbergs dementer Bruder, der in einem Rollstuhl saß.

„Und wer um alles in der Welt“, fragte Cindy, bevor sie auf die Knie sank, „sind die tote Frau und das Baby, die an Romans Stelle in seinem Sarg liegen?“

Die Menschen blickten einander an.

Fassungslos.

Ratlos.

Und völlig entgeistert.

Doch niemand kannte die Mutter und ihr Kind.

 

 

 

Kommissar Groll und sein Assistent Jens Klotz musterten Frau Grau fasziniert.

Der Blick der Ermittler haftete lange an der Frau mit der feuerroten Wallemähne, und nachdem sie die Kommissare mit einem unwiderstehlichen 1000-Watt-Lächeln begrüßt hatte, kostete es Groll viel Kraft, ihren Bann wieder zu brechen.

Denn Frau Grau war ein echter Hingucker!

Groll riss sich zusammen, und behandelte sie endlich wie eine Verdächtige.

Gerade kratzte sich der Kommissar am Kinn und er wiederholte seine Frage zum dritten Mal: „Bleiben Sie wirklich dabei, dass Sie die Tote und das Baby noch nie gesehen haben? Wir haben es hier mit einem dreifachen AGT – also mit einem dreifachen außergewöhnlichen Todesfall – zu tun, und ich habe das Gefühl, dass Sie das Ausmaß unterschätzen.“

Frau Grau nickte: „Ich bin mir ganz sicher.“

„Aber Sie müssen doch zugeben, dass Ihre Aussage faul klingt“, meinte Groll – „schließlich haben Sie der Witwe einen Sarg verkauft, in dem angeblich die Urne mit der Asche eines Toten liegt, der gar nicht verbrannt werden sollte.“

Frau Grau wirkte müde. „Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte.“ 

„Warum glauben Sie überhaupt, dass sich Stoltenbergs Asche in der Urne befindet?“

„Ganz einfach“, antwortete die Chefin. „Stoltenberg hatte ein künstliches Hüftgelenk aus Titan. Und das lag gut sichtbar neben der Urne.“ 

„Aber war Ihr Krematorium denn gestern überhaupt in Betrieb?“

Frau Grau kräuselte ihren Mund: „Ich habe gar kein Krematorium. Unter diesem Dach gibt’s nämlich zwei Bestattungsinstitute. Mein Institut liegt in der linken Hälfte. Es heißt ‚Grau Bestattungen 1899’. Die Firma meines Bruders Klaus ist in der rechten Hälfte und heißt ‚Bei Grau liegen Sie richtig – hier trauern Sie nicht um Ihr Geld!’ Klaus besitzt das Krematorium, und wenn ich Tote verbrennen möchte, muss ich das jedes Mal bei ihm anmelden. Doch im Fall von Roman Stoltenberg hatte Klaus keinen Kremierungs-Auftrag.“ 

„Verstehe“, murmelte Groll und kratzte sich erneut am Kinn. „Aber warum gibt’s hier zwei Bestattungsinstitute?“ 

„Hach, ursprünglich waren die beiden Institute ein und dasselbe Unternehmen – und mein Vater und ich haben es nach dem Tod meiner Mutter jahrelang gemeinsam geleitet. Doch als mein Vater ebenfalls starb, hinterließ er meinem Bruder Klaus, der bis dahin als Trucker gearbeitet hatte, die rechte Haushälfte und das Krematorium. Klaus und ich sind zerstritten. Wir sprechen nur noch miteinander, wenn es um Termine für Trauerfeiern in der Kapelle des Innenhofs geht. Denn das Bethaus teilen wir uns.“

„Aber warum haben Sie Krach?“                                                                                 

„Statt mit mir zusammenzuarbeiten, will Klaus beide Institute besitzen. Er will mich kaputt machen, unterbietet meine Preise – und wirbt mit ‚Geiz ist geil‘-Beerdigungen für sein Geschäft.“

„Warum senken Sie die Kosten nicht ebenfalls?“

„Weil ich einen wichtigen, so genannten thanatopraktischen Service anbiete. Das Wort kommt aus dem Griechischen. Thanatos bedeutet Tod.“

„Thanato … was?“

„Ich bin Spezialistin für Hygiene, Chemie, Mikrobiologie und Anatomie. Ich kann kontrollieren, wie sich Tote optisch verändern. Das ist beispielsweise wichtig, wenn Verwandte aus dem Ausland zur Trauerfeier anreisen wollen – und der Tote stabil bleiben muss. Oder bei öffentlichen Beerdigungen und Abschiedsfeiern im Familienkreis. Wir werfen unsere Toten nicht einfach nackt in einen Sarg und lassen obendrein noch alle medizinischen Geräte in ihren Körperöffnungen, wie es oft bei Klaus der Fall ist. Bei uns sieht kein Toter so aus, dass ihm sein Anblick, wenn er noch leben würde, peinlich wäre. Und ich balsamiere Tote ein, wenn es Paragraf 453/2 vorschreibt.“

Die Chefin entzündete eine Zigarette, inhalierte den Rauch und fuhr dann fort. „Manchmal kümmere ich mich auch um Tote, die in ein anderes Land geflogen werden müssen – etwa, weil sie ausländische Touristen sind. Und zu guter Letzt gibt’s noch meine Königsdisziplin.“

„Ihre was?“                                                        

„Meine Königsdiziplin! Meine Einbalsamiererin Betty Krämer, ihr Assistent Fritz Fischer und ich restaurieren Verstorbene, die nach Unfällen oder Chemo oder Strahlentherapien entstellt sind. Das ist psychologisch wichtig, wenn ein Mensch, mit dem gestern noch gearbeitet und gefeiert und gelacht wurde, plötzlich aus dem Leben gerissen wird und er nicht mehr präsentabel ist. Denn 40 Prozent aller Sterbefälle kommen völlig unerwartet – wie im Fall einer Lehrerin, die beispielsweise gerade in meinem Kühlfach liegt. Sie ist mit einem Arm voller Leitz-Ordner von einer steilen Treppe gefallen.“

Groll fragte: „Heißt das, Sie bessern die Toten aus?“

„So würde ich es nicht ausdrücken! Nein, wir machen alle körperlichen Veränderungen, die schwere Krankheiten und der Tod mit sich gebracht haben, rückgängig – weil es den Angehörigen hilft, dann besser mit der Trauer klar zu kommen.“

Klotz schüttelte sich. „Aber wie restaurieren Sie die Toten?“

„Sie kennen doch die Fernsehserie Six Feet Under, oder? Da gibt es einen Einbalsamierer. Wir arbeiten so ähnlich wie Rico, aber wir gehen noch viel weiter. Denn unser Job ist ein Mix aus Wissenschaft und Kunst. Erstens kontrollieren wir, ob es die drei sicheren Todeszeichen gibt, und falls das der Fall ist, geben wir dem Verstorbenen – egal ob er an Krebs gestorben ist oder von einem Hochhaus sprang – wieder ein normales und natürliches Aussehen zurück. Auf meinem Tisch landen Krebstote, Senioren, Exhumierte und ja, auch hochrangige Politiker, die heimlich einbalsamiert werden. Denn in den letzten Jahren hat sich unglaublich viel getan in diesem Bereich! Mittlerweile muss sich niemand mehr von seinen Liebsten hinter einer Glasscheibe verabschieden – und unsere Toten sehen auch nicht so künstlich aus wie die von Kollegen, bei denen die Verstorbenen nur angezogen und eingesargt und dann präsentiert werden. Und zu guter Letzt decken mein Team und ich während des Einbalsamierens manchmal sogar Morde auf, die von den Gerichtsmedizinern und Amtsärzten übersehen worden sind.“

„Wie das?“

„Stellen Sie sich einfach vor, dass nur einer von zwei Armen verwest. Dann wurde dort höchstwahrscheinlich kurz vor dem Tod etwas injiziert, und im Zweifelsfall handelt es sich dabei um ein tödliches Gift.“

Groll rief: „Moment mal! Ich kombiniere … dann könnten die beiden Fremden in Stoltenbergs Sarg ja doch aus Haus Grau kommen. Schließlich waren beide thata-tana-logoisch … hergerichtet. Warum machen Sie so was überhaupt?“ 

„Weil der letzte Blick auf einen restaurierten Toten viele Hinterbliebene vor einem lebenslangen Trauma bewahrt!“

Grolls Assistent polterte: „Dummes Gelaber! Das Gegenteil ist doch der Fall! Ich finde es unmöglich, dass die Trauergäste bei Ihrer verpatzten Beerdigung zwei fremde Tote sehen mussten …“

„Natürlich meine ich das prinzipiell, Herr Klotz! Wenn jemand einen lieben Menschen durch einen Unfall oder einen Schlaganfall verliert und ihn anschließend nicht mal mehr sehen kann, weil ihm sein Bestatter rät, den Toten besser so in Erinnerung zu behalten, wie er zu Lebzeiten war, machen es sich diese Berufskollegen viel zu leicht – und sie führen die Kunden obendrein hinters Licht. Denn wer den Spruch von der Erinnerung runterleiert, hat meistens keine Lust, die Toten wiederherzurichten – und er nimmt billigend in Kauf, dass die Hinterbliebenen anschließend jahrelang leiden!“

„Weshalb?“

„Angehörige und Freunde, die sich nach einem plötzlichen Todesfall nicht mehr von dem Toten verabschieden können, erleben oft sehr seltsame Dinge. Viele glauben jahrelang, dass sie den Verstorbenen immer wieder auf der Straße sehen. Andere haben schlimme Albträume. Ich kenne eine Mutter, die immer noch zu der Unglückstelle fährt, wo ihr Sohn gegen einen Baum gefahren ist – um die Rinde abzureißen. All dem beugen wir vor, indem wir die Toten auf Wunsch restaurieren. Am Ende sehen sie aus, als würden sie schlafen. Übrigens wird das in den USA und Großbritannien bei fast jedem Toten gemacht – und auch in Deutschland nimmt dieser Trend zu.“

„Aber warum haben Sie Stoltenbergs Witwe dann nicht geraten, den Toten noch mal anzusehen?“

„Das habe ich ja“, seufzte die Chefin, „aber sie wollte nicht.“

„Und wo haben Sie den Toten aufbewahrt?“

„In einem unserer Kühlfächer.“

„Aber wer sind die fremden Toten? Wer ist die Mutter, wer das Kind?“

Die Augen der Chefin füllten sich mit Tränen. „Ich habe wirklich keine Ahnung! Ich habe sie noch nie gesehen. Und ich kann es gar nicht fassen, dass jemand einen Säugling ermordet. Welche Bestie tut sowas? Das traue ich nicht einmal meinem Bruder zu.“

Groll musterte die Chefin lange. „Wer hat alles Zugang zu Haus Grau?“

„Jeder meiner Angestellten.“   

„Und wo finden wir Ihren Bruder?“

 „Klaus ist fast immer unterwegs, weil er sehr gut zu tun hat“, mischte sich der Totengräber ein. „Leider weeesentlich besser als wir. Klaus hat nämlich viele Bestattungen des Ordnungsamts an Land gezogen, weil er alle Preise unterbietet. Und sein Ofen ist hochmodern. Er heißt Power-Pak II – und verbrennt die Toten im Drei-Stunden-Takt.“

„Ist das schnell?“, fragte Klotz. Erstmals schien er begeistert zu sein.

„Ja, weil bei Kisten-Klaus alles fabrikmäßig abläuft. Zuerst werden seine Toten in einer kühlen Halle gelagert. Wer links liegt, wird noch vom Amtsarzt untersucht, bevor ihn Klaus anschließend nach rechts schiebt und die Särge in der Warteschlange dann der Reihe nach verbrennt.“

„Klingt effizient“, meinte Jens Klotz, doch sein Chef runzelte die Stirn.

Der Totengräber meinte affektiert: „Ich habe noch gelernt, dass es die Pietät gebietet, Toten die Augen zu verschließen und ihnen die Gesichtszüge zu setzen. Wir behandeln alle Tote, als ob sie unsere Eltern oder Kinder wären. Doch Klaus und sein russischer Gehilfe Petr, der sich selbst Hackepeter nennt, legen sie einfach in ihre Särge – was, nebenbei bemerkt, übrigens immer ein Zeichen einer untergehenden Kultur ist. Man denke nur an die alten Römer oder die Nationalsozialisten. However: Die beiden sind sehr effizient, und sie arbeiten viel ab – aber sie geben sich nur dann Mühe, wenn ein Angehöriger seinen Verstorbenen noch mal sehen möchte. Und falls Klaus unser Geschäft wirklich platt macht, kann er richtig loslegen. Denn Haus Grau hat die perfekte Geschäftslage – in unmittelbarer Nähe gibt’s jede Menge Kliniken, Heime, ein Hospiz und den Friedhof. Aus diesem Grund geht Klaus über Leichen, um uns kaputt zu machen! Und er drückt die Preise nach unten …“

Frau Grau schielte auf Grolls Notizblock und sah, dass er sich „Krieg“ notierte.

Daraufhin nickte die Chefin eifrig und sie rief: „Krieg ist passend. Mein Bruder und ich befinden uns wirklich in einem Krieg, und inzwischen geht’s dabei ums nackte Überleben. Noch habe ich den Vorteil, dass ich auf Massenkarambolagen, Naturkatastrophen, Trauerarbeit und Testamente spezialisiert bin. Aber Klaus holt immer mehr auf. Er stapelt die Leichen, kreuzt überall mit seinem goldenen SUV auf, becirct die Witwen und wirbt mit dem Motto ‚Geiz ist geil’. Offiziell nennt er sich ‚Funeral Planer’, dabei hat er bloß 45 Euro für einen Gewerbeschein auf den Tisch geblättert. Denn Bestatter ist kein geschützter Beruf, und anders als ich hat Klaus den Beruf nicht von der Pike auf erlernt. Heutzutage kann jeder behaupten, dass er Bestatter sei. Man braucht nur den Gewerbeschein, ein Telefon und polnische Sarglieferanten sowie Mietautos zur Abholung.“  

Die Chefin schluchzte.

Michael Todd legte seine Hand auf ihre Schulter und er zischte leise: „Kisten-Klaus betrügt seine Kunden! Schon mal was von Sargbetrug gehört? Nein? Oder von Totenschein-Betrug? Auch nicht? Oder von Pässen toter Flüchtlinge, die korrupte Bestatter an Schleuser verkaufen – nach dem Prinzip der Gesichtsähnlichkeit? Darauf müssten Sie Klaus Grau mal ansprechen. Aber glauben Sie ihm bloooß nicht, wenn er Frau Grau als Halsabschneiderin bezeichnet.“

Die Polizisten schwiegen lange. Ihr Gesichtsausdruck erinnerte Todd an zwei dumme Schuljungen, die „Busen“ gegoogelt und dabei unerwartet auf Hardcore-Pornos gestoßen waren.

Schließlich jedoch schien sich Groll zu erinnern, dass er es mit einem Verbrechen zu tun hatte und er befahl: „Ihr Bestattungsinstitut bleibt vorerst geschlossen. Höchstwahrscheinlich ist es ein Tatort. Meine Forensiker nehmen jetzt alles unter die Lupe. Vielleicht finden wir ja Fingerabdrücke – oder Spuren von Blut …“

Frau Grau protestierte: „Aber das geht nicht, schließlich sind unsere Kühlfächer voll. Wir haben Tote beizusetzen. Das schreibt uns das Bestattungsgesetz vor. Und Blut? Das finden Sie hier überall.“ 

„Es tut mir wirklich leid, Frau Grau – aber Ihre Firma ist nun mal ein Tatort.  Wir können nicht ausschließen, dass die unbekannte Mutter und ihr Kind unter diesem Dach ermordet wurden.“

„Aber kann ich wenigstens noch die Toten beisetzen, die wir in unseren Fächern lagern?“

Groll nickte mit versteinerter Miene. „Sobald wir sämtliche Spuren gesichert und die unbekannten Toten obduziert haben. Außerdem bekommen Sie und Ihre Angestellten eine Vorladung für Einzelverhöre im Präsidium, und wir nehmen Stoltenbergs Asche noch mal genau unter die Lupe. Wann haben Sie die Leiche eigentlich zum letzten Mal gesehen? Und was ist gestern Abend passiert?“

„Das müssen Sie meine Einbalsamiererin fragen, weil sie Stoltenberg als Letzte gesehen hat. Frau Krämer hat ihn gestern eingesargt. Und dann …“

Frau Grau stoppte mitten im Satz und ihr brach der kalte Schweiß aus. Denn in diesem Moment wurde ihr zum allerersten Mal bewusst, dass die Beerdigung des Jahres in Wirklichkeit die Katastrophe des Jahres war, und sie rief mit hoher Stimme: „Mein Gott! Wenn sich die Geschichte von Stoltenbergs Verbrennung wie ein Lauffeuer verbreitet und man mir obendrein einen Doppelmord an einer Mutter und ihrem armen Würmchen unterschiebt stehe ich ja vor dem Bankrott. Und Klaus hätte sein Ziel erreicht!“

Groll zuckte müde mit den Schultern.

„Aber wo finde ich diese Einbalsamiererin? Diese Betty Krämer?“

Frau Grau zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung! Mein Mädchen für alles ist spurlos verschwunden …“

 

 

Der Sarg durchbrach die Nebelwand auf dem Fleet um 16 Uhr.

Eine eierpunschtrinkende US-Touristin sah das unheimliche Objekt, das über die tiefschwarze Oberfläche unter der Trostbrücke glitt, als Erste.

Einen Moment lang glaubte die Amerikanerin, dass es sich dabei um eine Attrappe handelte oder um Dreharbeiten für einen Horrorfilm wie Wenn die Gondeln Trauer tragen, doch als der Sarg bereits fast an ihr vorbeigeglitten war und immer noch kein Kamerateam auftauchte, erkannte Donna Miller aus Ohio, dass sie gerade Zeugin einer Weltsensation war, die schon bald Instagram auf den Kopf stellen könnte.

„Eine Million neue Follower“, frohlockte die Hausfrau und fast wäre ihr das Handy entglitten angesichts der erregenden Aussicht, demnächst jedes Detail über den unheimlichen Sarg in großen Talkshows erzählen zu können.

Donna gelangen sensationelle Schnappschüsse von dem mit weißem Taft ausgeschlagenen Sarg und der strahlend schönen Dornröschen-Blondine – und tatsächlich würde CNN die Hausfrau Monate später, als noch mehr schwimmende Särge aufgetaucht waren, als Kronzeugin ins Studio einladen.  

Ende Dezember jedoch, als noch niemand ahnte, dass Hamburgs Formalin-Morde schon bald weltweit für Entsetzen sorgen würden, suchte Donna Miller nach den richtigen Worten für ihren Instagram-Horror-Post und entschied sich für „#Hamburg: Sleeping beauty´s last trip“ .

Die Hausfrau postete das Foto der Toten dermaßen schnell, dass die ersten Kommentare bereits aufploppten, als der Sarg mit der Toten die Winternebelwand noch nicht einmal durchbrochen hatte, um wieder hinter ihr zu verschwinden.

„Hammer“, sagte Donna Miller zu sich selbst, und legte eine Hand auf ihr klopfendes Herz. „Das ist der absolute Hammer!“ 

Die Bilder der Touristin aus Ohio verbreiteten sich wie ein Virus im Netz.

34 Minuten später fiel einem Japaner auf, dass die Tote keine Schauspielerin war – denn nachdem er das Foto heranzoomte, sah er, dass man ihr die Kehle aufgeschlitzt hatte.

Und die tote Betty Krämer, aber auch Donna Miller – und selbst der detektivisch begabte Japaner – wurden zur Instagram-Sensation des Tages.

 

 

Auch Connie Dizius staunte über das Sargfoto im Internet.

„Diese Frau hat großes Pech gehabt“, sagte sie zu ihrem nackten Spiegelbild, „daran musst du immer denken, wenn du dich mal wieder selbst bemitleidest.“

Connie prostete sich selbst zu und sie kippte einen Likör hinunter. Das süße Gesöff schmeichelte ihrer Kehle. Deshalb genehmigte sie sich direkt den nächsten.

Sie zeigte dem Spiegel das Foto. „Was meinst du?“, fragte sie ihr birnenförmiges Ebenbild, das sich ihr mitleiderregend – mit schmalen Schultern, kleinen Brüsten, mehreren Rettungsringen und einem sehr dicken Hintern – in seiner ganzen Unansehnlichkeit präsentierte. „Ob diese tote Frau zu Lebzeiten auch ein lächerliches Nichts war, das von allen übersehen wurde? Und ob es ihr wohl auch so dreckig ging wie mir? Bestimmt wurde sie ebenfalls von den Gläubigern ihres verschwundenen Ehemanns gejagt und bedroht – und zuletzt hat man ihr die Kehle aufgeschlitzt. Und bestimmt war sie auch arbeitslos – und ihr blieben, genau wie mir, nur die Schulden und der Behördenfrust und eine mickrige Bude in der 17. Etage in einem Hartz-IV-Hochhaus in Mümmelmannsberg. Wie soll man sowas bloß verkraften?“

Connie starrte ihr entblößtes Spiegelbild an, als würde sie tatsächlich eine Antwort erwarten, und den nächsten und übernächsten Likör kippte sie so schnell hinunter, dass ihre strähnige, blonde Haarmähne dabei zweimal nach hinten flog.

„Duuuu“, sagte sie und tippte mit dem Zeigefinger auf die Oberfläche des Spiegels, „eines musst duuu wissen. Diese tote Frau da in dem Sarg, das könnte ich sein – wenn es nicht einen Unterschied zu der blonden Tussi gäbe, und das sind meine Oberschenkel. Denn ich frage mich wirklich …“, sie lachte laut und genehmigte sich erneut zwei Drinks, „wie man eine 115-Kilo-Frau wie mich in einen so kleinen Sarg bekommen soll.“

Connies schwerhörige Nachbarin klopfte mürrisch gegen die dünne Trennwand der Nachbarwohnung.

„Ist ja schon guuuuuuut!“, brüllte Connie zurück. „Bald schaue ich mir die Radieschen sowieso von unten an! Lasst mich einfach meine Abschiedsdrinks kippen! Rest in peace, Connie!“

Nach dem nächsten Drink scannte sie ihre schäbige Behausung.

Zwischen all dem nutzlosen Plunder gab es tatsächlich noch Dinge, die Connie an bessere Zeiten erinnerten. 

So sah sie ein Porträt ihrer Eltern, die sie milde anlächelten.

Und ihr eigenes Hochzeitsfoto …

Beim Anblick von Juan brach der Verlust ihres brasilianischen Ehemannes, der nun schon seit über einem Jahr verschwunden war, mit voller Wucht über sie herein und Connie spürte den altbekannten Kloß im Hals.

Sie schluchzte hemmungslos und fragte sich zum tausendsten Mal, wo Juan war und wie es ihm ging und warum er spurlos verschwunden war.

Jetzt war sie allein.

Pleite.

Verschuldet.

Verlassen. 

Hartz IV.

Gänzlich ohne Lebenssinn.

Und Juans Gläubiger waren ihr auf den Fersen. „Die Spucke“ war der Schlimmste von allen. Vor kurzem hatte ihr der Anführer einer radikalen Gang, der bei jedem Wetter einen bodenlangen, weißen Hermelinmantel trug, eine aufgeschlitzte Ratte in den Briefkasten gesteckt und ihr außerdem eine Frist gesetzt: „20.000 Euro bis zum 14. Januar! In bar! Sonst bist du so tot wie die Ratte!“

Connie schluckte. Mit der „Spucke“ war nicht zu spaßen.

Doch der Reeperbahn-Gangster war nicht ihr einziges Problem.

Innerhalb des letzten Jahres hatte sie außerdem 55 Kilo zugenommen.

Nun wog sie 115 Kilo bei einer Größe von 1,65 Meter, hatte stets geschwollene Füße und Oberschenkel, die sich bei jedem Schritt wund rieben. Sie konnte es selbst nicht fassen!

„Diese Frau da auf dem Foto“, lallte sie ihrem Spiegelbild zu und kippte den vorletzten Likör hinunter, „diese tote Frau im Sarg – das wirst du sein, wenn du dich nicht aufraffst, und dein Leben neu organisierst. Heute in einem Jahr musst du endlich wieder clean sein. Aber wenn du es nicht schaffst, dann gib‘ dir an Silvester die Kugel! Abgemacht, Connie?“

Die betrunkene Spiegelbildfrau nickte ernst.  

Nach dem Schwur starrte Connie auf das Porträt ihrer Mutter, und sie imitierte ihre Stimme: „Du stirbst wirklich, wenn du dein Leben nicht in den Griff kriegst. Aber nur über meine Leiche. Such dir endlich einen Job. Investier deine letzten Kröten in einen Frisörbesuch, lass dich aufpeppen, geh zum Arbeitsamt und hör auf zu jammern. Du bist selbst schuld, dass du vor einem Scherbenhaufen stehst – weil du dir immer die falschen Kerle aussuchst und dein Glück regelmäßig mit dem Hintern einreißt. Außerdem musst du vor der ‚Spucke’ fliehen. Such dir ein Versteck. Und sag dem Alkohol bye bye!“

Die nackte Frau im Spiegel nickte langsam.

„Versprochen“, lallte Connie.

Sie prostete sich selber zu, und kippte ihren letzten Likör.  

Nun war die Flasche endlich leer.

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Mike Powelz

@mikepowelzJournalist