12 böse Gute-Nacht-Geschichten: "Der Müllmann"

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Als immer mehr Kinder verschwanden, geriet der Müllmann in Verdacht.

Denn im Grunde war der Fremde, der unter einer Brücke lebte, den Bürgern von Ahaus bereits seit seinem plötzlichen Auftauchen komisch vorgekommen. Aber wie es sich für brave Leute gehört, benahmen sich die Kleinstädter zivilisiert und tadellos – bis zum 7. Juli.

An diesem Tag nämlich tauchte die kleine Greta Jansen nicht in der Grundschule auf, obwohl die Siebenjährige ihr Elternhaus pünktlich um 7.30 Uhr verlassen hatte. Und weil man das blonde Mädchen später weder im Wald noch auf irgendeinem Heuboden und erst recht nicht tot in einem Bachlauf fand, und aus quälenden Tagen Wochen wurden, keimten Angst und Misstrauen. 

Drei Wochen später, am 1. August, verschwand der kleine Jakob Schmitz während eines Ausflugs mit den Messdienern.

Nun flüsterten die ersten Bürger, dass das Böse nach Ahaus gekommen war und es sich dabei um den Müllmann handeln musste – denn, so die Logik der Bürger, schließlich habe es in der Kleinstadt vorher außer ein paar Einbrüchen (in den Wintermonaten) und ein paar Schlägereien (auf Landjugendfesten) und einem versehentlichen Totschlag (nach einem Streit) niemals verschwundene Kinder gegeben.

„Aber seit der Müllmann unter der Brücke lebt“, raunte die Bäckerin am Morgen nach dem Verschwinden des kleinen Niklas Bauer, der sich als nächstes Kind in Luft auflöste, und an einem Septemberabend nicht von der örtlichen Kirmes heimkehrte, „klaut jemand unsere Kinder – und wer, mal ehrlich, wenn nicht er, kann das getan haben? Schließlich ist der unheimliche Kerl neu in unserer Stadt! Und überhaupt, warum schläft er unter der Brücke? Und warum steht er, sobald Passanten kommen, beschützend neben seinen Tonnen - ganz, als würde er unsere Kinder dort drinnen verbergen?“

Ja, am Morgen nach dem Verschwinden des rothaarigen Niklas hetzte die Bäckerin so sehr gegen den Fremden, dass sie sämtliche Hausfrauen mit ihrem Verdacht infizierte, woraufhin sich auf dem Marktplatz und bei Kaffeekränzchen und beim Frisör die Unterstellung unter den Frauen fortpflanzte, dass der unheimliche Müllmann schuldig sein musste – bis die Feststellung der Schuld sogar ihre Gatten und Söhne und Väter alarmierte, die alsbald auf Schulhöfen und Baustellen und Parkbänken auf den Müllmann schimpften.

Doch auch die Honoratioren der Stadt überlegten, was man gegen den Fremden tun konnte.

Der Kommissar überprüfte den Müllmann – und stellte resignierend fest, dass sich ihm nichts anhängen ließ. „Ich kann den Kerl nicht einsperren“, seufzte er im Kollegenkreis.

Der Bürgermeister erkundigte sich bei der Kreisverwaltung, ob man den Müllmann loswerden konnte – und musste sich belehren lassen, dass man einen Fremden, bloß weil er unheimlich wirkte und sich unter einer Brücke eingenistet hatte, nicht einfach aus der Stadt werfen durfte.

Der Pfarrer indes, dem seine Schäfchen Tag und Nacht ihre anschwellenden Ängste klagten, und in dessen Kirche die Gemeinde plötzlich enger zusammenrückte, ging persönlich zur Brücke – und trat dem Müllmann mutig entgegen. Doch nachdem ihm der Obdachlose versicherte, dass er keinesfalls beabsichtigte, weiterzuziehen, weil er nichts mit dem Verschwinden der Kinder zu tun hätte, predigte der Geistliche beim nächsten Sonntagsgottesdienst von der Kanzel: „Wir müssen Nächstenliebe ausüben.“

Ja, die Bürger von Ahaus grollten und murrten, doch weder die Burschen noch die Männer attackierten den seltsamen Müllmann.

Denn niemand wollte eine Hexenjagd - verschwundene Kinder hin oder her.

Deshalb musste eine Ausgangssperre nach Einbruch der Dunkelheit vorerst ausreichen.

 

In der Nacht nach Halloween fror der Müllmann unter der Brücke.

Sein Magen war leer, seine Hände kalt und klamm.

In der Nacht zuvor waren die Temperaturen unter null gefallen, doch obwohl die Bürger der Stadt wussten, dass es unter der Brücke keine Heizung gab, hatten dem Müllmann weder die Christinnen noch die Hausfrauen eine warme Suppe gebracht.

Der Müllmann starrte ernüchtert ins Leere.

Rechts führte die Unterführung zum Wäldchen, links zu einem Wohngebiet.

Über die Brücke verlief die Schnellstraße – und aus der Ferne hörte er Kinder.

„Süßes oder Saures?“, piepsten ihre Stimmchen, und während der Müllmann zum dunklen Wald schaute, und an die verschwundenen Kinder dachte, erinnerte er sich wieder, dass er furchtbare Angst vor dem aufkeimenden Groll der Bürger gehabt hatte.

Aber weil im Monat Oktober kein weiteres Kind verschwunden war, hatten ihn der Bürgermeister und der Pfarrer und die Bäckerin schließlich widerstrebend in Ruhe gelassen – und mehr noch: sie machten einen großen Bogen um die Brücke und die Unterführung.

Als wäre er aussätzig.

Als sei er ein Mörder.

Ein Kinderfresser.

Ein Serienkiller.

Eigentlich hätte der Müllmann den Bürgern allzu gern gesagt, dass er die Kinder – vor ihrem Verschwinden – tatsächlich gesehen hatte.

Doch dazu fehlte ihm der Mut.

Der Müllmann kombinierte nüchtern, was er in den letzten Monaten beobachtet hatte.

Im Juli hatte er Greta Jansen beim Blumenpflücken am Bachlauf gesehen.

Im August nahm der Müllmann wahr, dass Jakob Schmitz – mitsamt seiner Pfadfinderuniform – in den Wald ging.

Und der kleine Niklas Bauer war im September – begleitet von einem pickligen Teenie – kichernd über die Brücke gegangen.

Ja, der Müllmann hätte den Bürgern durchaus sagen können, dass er die Kinder gesehen hatte.

Aber würden man ihm glauben, dass er nichts mit ihrem Verschwinden zu tun hatte?

Der Müllmann konnte sich das nicht vorstellen.

Denn er ahnte, dass die AfD-Sympathisanten seine Nationalität bereits hatten überprüfen lassen.

Und er malte sich aus, dass die Frauen ihren Männern erzählten, dass sich extrem vor ihm fürchteten.

Doch als wäre das noch nicht genug, spürte er obendrein, dass ihn die Kerle am liebsten verprügelt – und mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt – hätten.

Gegen all das war er machtlos.

Doch er konnte die Augen aufhalten.

Und das tat er.

Auch in der Nacht nach Halloween.

 

Als die Tochter der Bäckerin in der Halloweennacht verschwand – das fünfjährige Mariechen Müller war mit seiner Schwester und anderen Kindern durch Ahaus gelaufen, aber nicht mehr nach Hause gekommen – nahm das Unheil seinen Lauf.

Um 20.30 Uhr rief die besorgte Mutter bei der Polizei an.

Um 20.45 Uhr informierte der Kommissar den Bürgermeister.

Und um 21 Uhr wusste auch der Pfarrer Bescheid.

Suchmannschaften durchstreiften die Wälder.

Hunde bellten in der Nacht.

Und besorgte Mütter und Väter liefen schnurstracks zur Unterführung, wo der Müllmann sie mit vor Angst geweiteten Augen anstarrte.

„Wer bist du?“, rief eine Grundschullehrerin.

„Was versteckst du in deinen Mülltonnen?“, wütete der Zahnarzt.   

„Und wann verpisst du dich endlich aus Ahaus?“, rief die Vorsitzende des Hausfrauenclubs, bevor sie ihren ganzen Mut zusammennahm, und dem furchteinflößenden Müllmann entgegentrat, und direkt in seine kalten Augen starrte, und sofort danach fröstelte, weil er ihren blauen Augen standhielt.

Sein Gesicht war lang und schmal.

Seine Haare lang und weiß.

Und seine Finger lang und stark.

Ja, der arme Kerl versuchte seine Tonnen zu beschützen, und mehr noch, zu verhindern, dass eine Steuerberaterin und der Leiter der Stadtbibliothek und der Juwelier beide öffneten und umwarfen, als würden sie allen Ernstes erwarten, darin leblose Kinder zu finden.

Denn natürlich war Mariechen Müller nicht in seiner Mülltonne!
Und natürlich fand man weder Locken noch Hefte mit Rechenaufgaben und noch nicht mal Unterhosen von Greta und Jakob und Niklas.

Aber die Leute benahmen sich wie Bestien – und der Müllmann fragte sich bereits, ob er die Nacht überleben würde, als sein Blick plötzlich auf den pickligen Teenager fiel, den er wenige Wochen zuvor mit dem rothaarigen Niklas gesehen hatte.

Der Müllmann wollte auf den Pickligen deuten, doch bevor er seine zitternde Hand erheben konnte, traf ihn bereits der erste Schlag, und eine Flasche zerbrach auf seinem Kopf, und dann verschwand die Welt im Nichts.

 

Als der Müllmann erwachte, lag er in einem Keller.

Gefesselt und geknebelt konnte er sich keinen einzigen Millimeter bewegen.

„Wo sind die Kinder?“, fragte die Kleinstadtärztin, während sie seinen Daumen mit einer Knoblauchpresse zerquetschte.

Der Müllmann wimmerte.

Doch er gab ihr keine Antwort.

„Was hast du mit ihnen gemacht?“, fragte die Leiterin der Volkshochschule, während sie den Müllmann mit heißen Nadeln stach.

Der Fremde stöhnte.

Doch er schwieg weiter.

„Rede endlich“, keifte Mariechens Mutter, und hielt dem Müllmann ein Messer an die Kehle.

Doch der Obdachlose war wie gelähmt.

Und selbst, nachdem ihn die Ärztin und die Lehrerin und die Mutter folterten – und ihn lebensgefährlich verletzten, und er vor Schmerzen nicht mehr sprechen konnte, und der Fleischer dem Obdachlosen mehrmals vor den Kopf trat, sagte er nicht, wo die Kinder waren.

Und bestimmt wäre er heute tot, wenn nicht der Pfarrer in den Keller gestürmt wäre – und lauthals rief: „Aufhören, liebe Leute! Unser Mariechen ist zurück! Das Mädchen hat sich bloß verlaufen!“   

 

Mitte November wurde der Müllmann aus der Klinik entlassen – und die Stadt entschuldigte sich.

Als Erstes rückte der Hausfrauenclub an.

Die Christinnen schenkte dem Müllmann zwei neue Tonnen, die randvoll mit Kleidung gefüllt waren – frisch, gebügelt und gestärkt.

Und sie brachten täglich Suppen.

Danach kam der Pfarrer.  

Er gab dem Müllmann Gottes Segen.

Und zuletzt sicherte der Bürgermeister dem Müllmann ein unbefristetes Bleiberecht zu – sowie 1.000 Euro „Wandergeld“.

Ja, aus dem Feind wurde ein Freund, und als sich die Platzwunde auf dem Kopf des Müllmanns allmählich in eine Narbe verwandelte, und er nur ein blindes Auge zurückbehielt, verheilten auch die Wunden die Bürger – und die Erinnerung an ihren Beinahe-Lynchmord verblasste und als Weihnachten nahte, war wieder alles gut.

Beinahe.

Denn Greta, Jakob und Niklas waren noch immer spurlos verschwunden.

 

In der Nacht des 24. Dezember saß der Müllmann unter seiner Brücke, als weit entfernt ein Fleck aufblitzte.

Der Obdachlose starrte in die Dunkelheit.

Der Lichtschein wurde immer größer.

Er blendete den Einäugigen, hielt dabei schnurstracks auf ihn zu – und entpuppte sich schließlich als Vorderleuchte eines Fahrrads.

Auf dem Rad saß der picklige Teenie, den der Müllmann am Abend vor Niklas‘ Verschwinden mit dem rothaarigen Jungen gesehen hatte.

„Frohe Weihnachten“, sagte der Teenager.

„Frohe Weihnachten“, grunzte der Müllmann.

„Ich habe hier Klöße und Gans – und Chardonnay“, sagte der Teenager, und reichte dem Müllmann einen randvoll gefüllten Korb. „Mit besten Grüßen von meiner Mutter.“

Der Obdachlose runzelte die Brauen.

„Kennen wir uns?“, fragte er.

Der Teenager nickte: „Ich war dabei, als dich der Mob Halloween totprügeln wollte.“

Der Müllmann schnalzte mit der Zunge.

„Doch was war das für ein Gefühl?“

Der Junge fröstelte. „Es war einfach schrecklich! Zuerst hat der Kommissar eine Flasche auf deinem Kopf zerschlagen, und danach hat dich der Pfarrer brutal auf den Boden geschubst. Und der Bürgermeister trat dich! Ich hätte damals nicht gedacht, dass du Halloween überlebst.“

Der Müllmann schüttelte den Kopf. „Damals wäre ich tatsächlich beinahe gestorben. Aber ich will gar nicht über jene Nacht reden. Denn ich glaube, dass wir uns zuvor schon mal gesehen haben – und zwar in der Nacht, als das rothaarige Kind verschwand.“

Der Picklige nickte erneut. „Ich war tatsächlich mit Niklas zusammen.“

„Warum hast du das nicht gesagt?“

„Weil ich … ähem … weil ich ihm damals Gras verkauft habe. Und nachdem Niklas verschwunden ist, hatte ich Angst, dass man mir was anhängt.“

„Tatsächlich?“, fragte der Müllmann nachdenklich. „Heißt das, du hast ihm nichts getan?“

„Natürlich nicht“, rief der picklige Junge.

„Und Greta Jansen? Und Jakob Schmitz?“

„Ebenfalls nicht“, stammelte der Teenie. „Ich kannte nur Niklas.“

Der Müllmann lächelte. „Das erklärt vieles“, meinte er freundlich, und klapste dem Jungen freundlich auf die Schulter, bevor er ihm die Kehle durchschnitt und sein Ohr abbiss und es genüsslich verzehrte und den pickligen Jungen und sein Fahrrad in das steil nach unten führende Kanalisationsrohr auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses warf, wo sich der tote Junge nun zu Greta und Jakob und Niklas gesellte.

Der glückliche Müllmann indes schlüpfte in jene frischen Kleider, die ihm die Bürger spendiert hatte, und zog dann mit seinen Tonnen von dannen.

„Zeit für eine neue Stadt“, sagte er leise, und verschwand in der Nacht.

 

 

 

 

 

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Kommentar von Sabine Jansen |

Huiiiii. ....wie spannend! !!!!!

"Greta Jansen"

Kommentar von Marion |

Gruselig!

Mike Powelz

@mikepowelzJournalist