12 böse Gute-Nacht-Geschichten: "Lass nicht los!"

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„Hilfe!“

Der Schrei war schrill, und er hallte so laut durch die Nacht, dass Willibald schlagartig erwachte.

Einen Moment lang wusste er nicht, ob er geträumt hatte – oder ob Gefahr im Verzug war.

Er setzte sich im Dunkeln auf, knipste die Nachttischlampe an und griff nach seiner Hornbrille.

Der Wecker zeigte 3:47 Uhr.

Willibald spitzte die Ohren, doch es erklang kein zweiter Schrei.

Der Rentner seufzte.

Also hatten ihm seine Sinne doch bloß einen Streich gespielt!

Willibald kratzte sich am Sack, spürte seinen pochenden Ständer und grunzte nachdenklich: Zum dumm, dass ihn ein der eingebildete Hilferuf ausgerechnet in jenem Moment aus dem Tiefschlaf gerissen hatte, als er gerade von Teenagern träumte.

Der Rentner starrte auf den Wecker.

Inzwischen war es 3:50 Uhr.

Willibald kratzte sich am Kopf und merkte, dass er mit seinem Toupet eingeschlafen war.

„So ein Mistdreckscheiß“, fluchte der Rentner, denn er hatte sein Kunsthaar vorm Schlafengehen extra frisiert.

Vorsichtig nahm er das Toupet ab.

„Haare machen Menschen“, sagte Willibald zu seiner Perücke, und strich zärtlich über das Kunsthaar: „Mit dir fühle ich mich jung – und komme gut auf dem Strich an …“

Ja, Willibald ging gern zu Nutten, während seine kranke Gattin …

„Hilfe!“

Jetzt war der Schrei deutlich zu hören.

Also doch Cäcilie!

Willibald verzog den Mund. Was wollte die Alte mitten in der Nacht?

Ob sie sich wieder eingenässt hatte?

Ob ihr flacher, platter Arsch schon wieder in die Windeln gekackt hatte?

Oder jammerte sie wieder über Schmerzen?

Willibald küsste sein Toupet – und legte es behutsam beiseite.

Dann setzte er sich aufrecht hin, schlüpfte in braune Filzpantoffeln, und stakste vom Bett zur Schlafzimmertür. Er glitt in seinen dunklen Flur, und roch den Gestank der tödlichen Krankheit, der das Sterben seiner Frau seit vielen Monaten ankündigte.

Seiner Frau, die Willibald auf das alte Sofa verbannt hatte, weil er das große Ehebett für sich allein beanspruchte.

Am liebsten wäre Willibald mucksmäuschenstill im Flur stehen geblieben, und zu eben jenem großen, gemütlichen Bett zurückgeschlichen – doch als er innehielt, weil er hoffte, dass Cäcilie wieder eingeschlafen war, erklang ihr Hilferuf erneut.

Seine Frau wimmerte.

Willibald knipste das Licht an – und verstand den Grund für die Schreie.

Halb lag seine Frau (oder das, was von ihr übrig war) auf dem braunen, alten Sofa, halb hing ihr Körper auf dem Boden – und ihr Kopf schwang hin und her.

Der Rentner sah sofort, dass Cäcilie gegen den Tod kämpfte.

Cäcilie sah ihn kläglich an.

„Hilfe“, rief die fahle Frau – und streckte Willibald die Hand entgegen.

Der Rentner schüttelte sich.

Warum verlangte sie nach ihm?

Wusste sie nicht, dass sie ihn anekelte?

Und mehr noch, ahnte sie wirklich nicht, dass er schon seit vielen Jahren nur auf diesen Augenblick wartete?

Auf den Moment, in dem sie starb – weil sie ihm im Weg stand? Seinem Glück mit anderen Frauen, seiner Lust auf Orgien, bezahlt von ihrem Konto, über das er erst nach ihrem Ableben verfügen konnte?

„Was willst du?“, fragte Willibald mürrisch.

„Komm‘ näher“, flüsterte Cäcilie – und wedelte mit ihrer Hand. „Es geht zu Ende, Willibald!“

Das waren die fünf magischen Worte.

Es geht zu Ende, Willibald.

Der Rentner war elektrisiert.

Sie starb tatsächlich.

Bald würde er frei sein.

Sein Ständer regte sich erneut.

„Willst du, dass ich einen Arzt rufe?“, fragte Willibald misstrauisch.

Cäcilie schüttelte den Kopf. „Komm‘ einfach näher, Willibald – und gib‘ mir bitte deine Hand. Ich muss dir nämlich noch was sagen …“

Willibald kniff die Lippen zusammen.

Die Frau auf dem Sofa erinnerte ihn nicht mal ansatzweise an die Gefährtin, die er in einem früheren Leben begehrt und geliebt hatte. Denn obwohl Cäcilie einst engelsgleich gewesen war, verblühte sie seit vielen Jahren. Und als der Krebs mit 70 zuschlug, und seine Gattin von innen zerstörte, war ihre Strahlkraft nahezu verglüht – und ihr Körper welk und weiß.

„Sei’s drum“, dachte Willibald, und stakste todesmutig zum Sofa.

Er setzte sich auf einen Stuhl, schluckte seinen Ekel runter und blickte auf Cäcilies Hand, die gelb und dünn und knöchern war.

Es war die Hand einer lebendigen Toten.

„Mistdreckscheiß“, fluchte Willibald.

Und obwohl sich alles in ihm sträubte ergriff er Cäcilies kalte Hand.

Die Hand, die ihn zutiefst anwiderte.

Cäcilie lächelte beseelt.

Offenbar ahnte sie nicht, was in Willibald vorging.

Die Sterbenskranke sah ihn an.

„Lass‘ nicht los“, flüsterte sie. „Dann kann der Tod uns niemals trennen.“

Willibald nickte. „Ich bleibe bei dir. Brauchst du was?“

Cäcilie schüttelte den Kopf. „Bleib einfach bei mir. Und halte mich fest.“

Willibald nickte widerstrebend, und er riss sich am Riemen.

„Was willst du mir sagen?“, murmelte er leise.

„Dass ich dich von Herzen liebe“, flüsterte Cäcilie. „Und dass du ein guter Mann bist – ein Mann, der immer noch die Wahl hat.“

„Welche Wahl?“, fragte Willibald und wollte ihr die Hand entziehen.

Doch Cäcilie hielt sie fest.

„Lass‘ nicht los, mein lieber Mann! Lass‘ mich auf keinen Fall im Stich. Und halte meine Hand so lange, bis die Sonne am Horizont aufgeht.“

Willibald seufzte genervt.

Dann wiederholte er seine Frage: „Von welcher Wahl sprichst du bloß, Frau?“

„Der Wahl zwischen Liebe und Hass.“

„Wie meinst du das?“

„Die Wahl, dein Eheversprechen zu halten - von der Treue bis zum Tod. Oder dein Versprechen zu brechen, und mich zu verraten.“

Willibald starrte auf die Hand, die sich eisern an ihn klammerte.

„Du tust mir weh“, wütete er. „Mein Arm wird taub! Und ganz gefühllos!“

Cäcilie lächelte ihn an. „Das tut mir leid, mein lieber Mann. Aber ich lasse dich nicht los. Wenn du mich loslässt, kommt der Tod. Doch wenn du festhältst, ist er machtlos.“

Willibald seufzte.

Dann dachte er nach.

Cäcilies Kraft erstaunte ihn.

Und seine Finger schmerzten sehr.

Er konnte sie nicht mehr bewegen.

Keinen Zentimeter.

Keinen Millimeter.

Er war die Geisel seiner Frau.

Doch Willibald hatte nicht vor, sich ihrem kranken Geist zu beugen.

Er musste nur geduldig sein.

Und abwarten, und etwas ausharren, und ihren Klammergriff ertragen.

Denn früher oder später würde sie einschlafen.

Dann konnte er endlich zurück.

„Ich muss kein schlechtes Gewissen haben“, dachte Willibald verdrossen. „Tiere verrecken auch allein. Sie kämen nie auf die Idee, sich dermaßen an Artgenossen zu klammern.“

Willibald starrte auf die Kuckucksuhr.

Inzwischen war es 4.30 Uhr.

Wann ging nochmal die Sonne auf?

„Um 6.30 Uhr“, flüsterte Cäcilie, als könne sie seine Gedanken lesen, und schloss die müden, kranken Augen.

Sekunden später schlief sie fest.

Doch ihr Griff war noch immer eisern.

Sobald Willibald an seiner Hand zog, wurde ihr Klammergriff noch fester.

Der Rentner war tatsächlich gefangen!

„Woher nimmt sie bloß die Kraft?“, wunderte sich Willibald und starrte die Sterbende an.

Cäcilies Augen lagen tief in den Höhlen, ihr Gesicht war weiß und spitz, und das Kinn ein scharfes Dreieck.

Es ragte steil und bös hervor.

Und erst ihre Haare!

Früher hatte sie lange, goldene Locken gehabt, doch nunmehr fehlten überall Büschel.

Willibald sah blutige Stellen, die Cäcilie mit ihren gelben Fingernägeln aufgekratzt hatte.

Sein Blick fiel auf die Sauerstoffmaschine.

Auf die Tabletten auf der Kommode.

Und auf das knöcherne Brustbein der Kranken.

Ja, Cäcilies Körper war dermaßen ausgemergelt, dass eine Magersüchtige im Vergleich mit ihr rund und wohlgenährt erschien. Und obwohl bereits Cäcilies sämtliche Rippen hervortraten, hielt sie Willibalds Hand noch immer fest umklammert – und mit einem Mal überkam ihn die Ahnung, dass sie sich nur deshalb an ihn klammerte, weil sie ihn mit sich in den Tod reiße wollte.

„Das lasse ich mir nicht gefallen“, schnaufte Willibald erbost, und nahm all seinen Mut zusammen.

Er zog und zerrte an der Hand.

Er dehnte Cäcilies knöcherne Finger.

Und er schlug ihr auf’s Gelenk.

Doch Cäcilie hielt ihn fest.

Sie starrte ihn benommen an.

„Mistdreckscheiß?“, fluchte Willibald. „Was willst du wirklich, Frau? Warum kannst du den Tod nicht akzeptieren?“

„Weil ich dich liebe, Willibald! Ich kann nicht gehen. Ich darf nicht gehen. Und mehr noch: Ich will nicht gehen.“

„Aber du musst!“, rief Willibald. „Es ist vorbei, sieh’s endlich ein. Und ganz ehrlich? Ich möchte allein sein. Ich brauche Erholung. Ich will wieder leben. Ich verlange, dass du mich sofort loslässt!“

Cäcilie schüttelte den Kopf.

Daraufhin riss Willibald so heftig an der gelben Hand, dass Cäcilies Körper knackte.

Doch sie zuckte nur zusammen.

„Das war meine Schulter“, klagte sie laut. „Du hast mir das Gelenk ausgekugelt, Willibald.“

Der Rentner schrie: „Ich kugele dir gleich noch was ganz andres aus, wenn du mich nicht sofort loslässt. Ich warne dich: Wenn du mich festhältst, reiße ich dir den Arm aus. Gleich kommt es so! Ich steh jetzt auf! Ich reiß‘ mich los!“ 

Doch Cäcilie ließ nicht los.

Ihre Finger waren fest mit Willibalds Gliedern verwachsen.

Und obwohl der Wüterich seinen Arm nun so ruckartig bewegte, dass das Sauerstoffgerät umfiel, und die mit Cäcilas Körper verbundenen Kabel aus ihrem Körper gerissen wurden, und Blut floß, und der Rentner die Sterbenskranke sogar über den Boden schleifte, hielt sie ihn fest.

Eisern.

Unerbittlich.

„Lass mich nicht los“, stammelte Cäcilie, als er ihr das Rückgrat brach.

„Lass mich nicht los“, flüsterte sie, als er seinen Fuß gegen ihre (noch nicht ausgekugelte, zweite Schulter) drückte, sich mit aller Kraft dagegen stemmte, und gleichzeitig an seiner Hand riss.

Und selbst als er Cäcilies Kopf nahm und ihn hart auf den Boden schlug, blieb ihre Hand eisern in seiner.

Um 6.15 Uhr sank Willibald völlig erschöpft auf den blutigen Teppich.

Das Wohnzimmer sah aus wie ein Schlachtfeld.

Der Couchtisch war umgeworfen, auf dem Teppich lagen Zähne und Cäcilie stöhnte und zitterte.

Doch ihre Hand lag noch immer in seiner.

Willibald atmete stoßweise.

Er war so erschöpft, dass er nicht mehr wusste, was er gegen ihre übermenschliche Kraft ausrichten konnte.

Denn es war wie verhext!

Je stärker er riss und sie schlug und zerstörte, desto stärker wurde auch der Klammergriff.

„Bitte lass‘ los“, lallte der Rentner. „Bitte lass‘ mich los, Cäcilie. Einmal müssen wir alle sterben. Ain Mall isst ess für unss allä vorbai …“

Aber Cäcilie hielt ihn fest.  

Und als die Sonne beinahe aufging, und Willibald bereits befürchtete, dass sie die Nacht überleben, und dem Tod ein Schnippchen schlagen würde, beugte er sich über sie – und keuchte ihr die Wahrheit ins Gesicht: „Ich hasse dich. Ich habe dich immer gehasst! Ich wollte immer nur dein Geld. Ich habe mich jahrelang verstellt, und dir was vorgespielt – doch in Wahrheit habe ich ein ausschweifendes Doppelleben geführt. Denk‘ ja nicht, dass ich dich vermisse. Verrecke, du Schlampe! Stirb endlich, du Biest! Ich will frei sein. Ich will allein sein. Lass‘ sofort meine Hand los … Ich verfluche dich!“

Willibald schnaufte.

Er war völlig am Ende.

Und obwohl er nicht mehr glaubte, dass sie ihn jemals loslassen würde, spürte er, dass ihr  Griff sich – direkt nach dem Fluch – endlich löste.

Cäcilies Finger wurden warm – und glitten dann aus seiner Faust.

Und als die Berührung endlich vorbei war, erblickte Willibald das Wunder des Todes, denn Cäcilies Seele fuhr aus ihrem Körper, und er sah Cäcilie doppelt.

Dann brach sein Blick, und er war tot.

Und die Sonne erwachte zum Leben.

 

„Hast du deine Aufgabe erfüllt?“, fragte das Chef-Lichtwesen.

Cäcilie verneinte: „Ich habe Willibald mein ganzes Leben lang beschützt – und meine komplette Schutzengel-Energie zu seinen Gunsten angewandt. Doch im Laufe seines Lebens wurde seine dunkle Energie immer stärker. Je böser er wurde, desto schwächer wurde ich. Am Ende war ich beinahe zerstört, und hielt mich – nahezu energielos – kraftlos in seiner Nähe auf. Deshalb konnte ihn nicht mehr beschützen, als ich merkte, dass sein Tod kam.“

„Hast du es wenigstens versucht? Und seine Hand festgehalten?“

„Ja“, hauchte Cäcilie – „mit letzter Kraft, zwei Stunden lang. Doch seine böse Energie war zu stark. Willibald hat mich verflucht, weil er nichts verstanden hat. Er glaubte bis zur letzten Sekunde, dass mein Leben auf dem Spiel stand. Dabei ging es doch bloß um seins …“

Das Lichtwesen lächelte. „Du hast deine Aufgabe mit Güte, Liebe und Treue erfüllt – wie es sich für einen Schutzengel gehört. Jetzt musst du schlafen, und dich erholen. Lass‘ die Gedanken an Willibald los. Lass seine Hand los. Lass‘ Willibald los.“

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Mike Powelz

@mikepowelzJournalist