von mpowelz

Die Einbalsamiererin - Das 1. Kapitel

 

 

1. Kapitel

Nur über meine Leiche

 

 

Natürlich wäre es gerechter gewesen, wenn der Tod früher zu Stoltenberg gekommen wäre.  Aber weil er erst kurz vor Mitternacht ins Leben seines Opfers trat, wurde der arme Tropf von seinem eigenen Ableben überrascht. Denn Stoltenberg war schon so müde, dass er nicht einmal die Warnungen hörte.

Dabei sagte die Fernsehstimme laut und deutlich: „Der Tod ist unvermeidlich. Er ist ein Versprechen, das jedem von uns bei der Geburt gegeben wird. Aber ehe dieses Versprechen eingelöst wird, hoffen wir alle, dass uns etwas widerfährt. Sei es das Prickeln einer romantischen Liebe, das Glück, eine Familie zu haben oder reich und mächtig zu werden. Wir alle hoffen, etwas zu erfahren, das unserem Leben einen Sinn gibt. Aber das Traurige ist, dass nicht jedes Leben von Sinn erfüllt ist. Manche Menschen verbringen ihre Zeit auf diesem Planeten nur damit, am Spielfeldrand zu sitzen und darauf zu warten, dass ihnen etwas widerfährt, ehe es zu spät ist …“

Stoltenberg sah auf die Uhr.

Es war fünf vor zwölf am 21. Dezember 2015.

Stoltenberg schaltete den Fernseher aus, und die Stimme, die über Leben und Tod philosophierte, verstummte.

Der fünfundfünzigjährige Leiter des Hamburger Finanzamts erhob sich so leise vom Sofa, dass seine dreißig Jahre jüngere Geliebte ungestört weiterschlafen konnte.

Dann griff Stoltenberg nach seinem Smartphone.

Das Display verriet ihm, dass ihm sein Sohn bereits mehrere WhatsApp-Nachrichten geschickt hatte.

Stoltenberg las die erste.

„Cindy ist nicht nach Hause gekommen. Falls du etwas von ihr hörst, sag mir Bescheid. Du weißt ja … sie ist in letzter Zeit so komisch.“

Der Inhalt der anderen Nachrichten war ähnlich – und zuletzt hatte Stoltenbergs Sohn sogar eine Sprachnachricht hinterlassen. Darin kündigte er an, dass er eine Vermisstenanzeige aufgeben werde, wenn Cindy beim Morgengrauen noch immer verschwunden wäre: „Tut mir leid, Dad, dass ich dich damit während deiner Geschäftsreise nach Brüssel belästige – aber ich habe das Gefühl, dass Cindy etwas Schlimmes passiert ist. Ruf mich an! Mama ist … ach, vergiss es … Gute Nacht!“

Stoltenberg knirschte mit den Zähnen.

Zu gern hätte er seinen Sohn beruhigt und ihm erzählt, dass Cindy schlafend auf dem Sofa in seinem Hotelzimmer lag und er selbst gar nicht in Brüssel, sondern in Hamburg, war.

Doch ihm fehlte der Mut, seinem Sohn zu gestehen, dass er sich rettungslos in dessen Verlobte verliebt hatte.

Stoltenberg deaktivierte sein Smartphone.

Jetzt musste er schlafen und Kraft tanken – Kraft für den Bruch mit seinem Sohn und den unvermeidlichen Scheidungskrieg mit seiner Ehefrau.

Monatelang hatte sich Stoltenberg gegen seine verbotenen Gefühle gewehrt und war Cindy aus dem Weg gegangen. Doch am Abend seiner Silberhochzeit hatte sie ihn übermütig und beschwipst auf die Tanzfläche gezogen.

Sie lächelte ihn an – und sie wurden beide vom Blitz getroffen.

Amor hatte gezielt zugeschlagen.

Stoltenberg erinnerte sich an jede der 78 Drehungen während seines Walzers mit Cindy. Denn obwohl der Tanz nur vier Minuten gedauert hatte, verflüchtigte sich bei jeder Drehung eine weitere Erinnerung an seine Frau, seinen Sohn, ihr gemeinsames Leben und seine Alltagspflichten.

Selbst heute war ihm schwindlig, wenn er an diesen Walzer dachte.

Es hatte nur Cindy und ihn gegeben.

Damals hatte er alles für seine Zuckerpuppe tun wollen.

Damals wollte er, dass sie glücklich war.

Und damals war er selbst glücklich gewesen, wenn sich ihr süßer Mund auf seine Lippen gepresst und ihn eine neue, unbekannte Energie überflutet hatte.

Doch nach Monaten der Lügen, „Geschäftsreisen“ und heimlichen Hoteltreffen wurde sein Liebeswahn durch eine unsanfte Bruchlandung beendet.

Doch er hatte die Rechnung ohne Cindy gemacht.

„Ich bin schwanger“, sagte sie, „wir bekommen einen Sohn. Ich bin bereits in der neunten Woche. Unserem Glück steht nichts mehr im Wege.“

Zuerst war Stoltenberg geschockt gewesen.

Aber nach reiflichem Überlegen befand er, dass er lange genug am Spielfeldrand gesessen hatte, während das Leben an ihm vorbeizog.

„Ich will das Baby“, flüsterte Roman. „Es ist die Frucht meiner Liebe zu Cindy.“

Die Zukunft würde schön und süß.

So süß wie … das restliche Tiramisu im Kühlschrank.

Stoltenberg überlegte, ob er seiner plötzlichen Gier nachgeben sollte.

Dann jedoch entschied er sich anders. 

Um 23.55 Uhr betrat Roman Stoltenberg das Badezimmer.

„Duschen und anschließend mit Cindy Tiramisu im Bett genießen?“, fragte er den Spiegel, und sein Gegenüber nickte angesichts der Aussicht auf zwei verführerische Reize, die sich hervorragend miteinander kombinieren ließen.

Ja, der Tod ist unvermeidlich.

Er ist ein Versprechen, das jedem von uns bei der Geburt gegeben wird. Aber ehe dieses Versprechen eingelöst wird, hoffen wir alle, dass uns etwas widerfährt – und sei es die Aussicht auf eine junge Geliebte und eine paradiesische Zukunft mit ihr und einem Sohn, der uns Unsterblichkeit schenkt.

Stoltenberg zog den Duschvorhang zur Seite.

Die Zukunft war ein großes Versprechen.

Ganz anders als die Gegenwart.

Denn die entpuppte sich als Falle.

Ja, der Tod ist unvermeidlich.

Aber manchmal können wir ihm noch einmal entkommen, wenn wir uns für die richtigen Dinge entscheiden – etwa für ein Tiramisu statt für eine Dusche, mit der wir unsere klebrigen Sünden abwaschen wollen.

 

***

Frau Grau öffnete den vertraulichen Teil des Totenscheins.

„Unterzuckerung?“, fragte sie erstaunt und blickte den Gerichtsmediziner Professor Rätte an.

Der Forensiker nickte.

„Bei der Obduktion“, Rätte fuhr sich durch die roten Locken, „habe ich herausgefunden, dass Stoltenberg Diabetiker im fortgeschrittenen Stadium war … äh … äh …  Höchstwahrscheinlich hat er nichts davon gewusst, denn sonst hätte er vor dem Duschen bestimmt noch was Süßes gegessen. Sein Blutzuckerspiegel war völlig im Keller. Stoltenberg muss einen irren Drang nach … äh … etwas Süßem gehabt haben – und bestimmt war ihm so schwindlig, als hätte er die ganze Nacht Walzer getanzt. Aber er hat nicht einmal ein Stückchen Schokolade gegessen. Stattdessen stieg er gegen Mitternacht unterzuckert in die Dusche – und ist dort ohnmächtig geworden.“

„Genickbruch?“, fragte Frau Grau neugierig.

Rätte schüttelte den Kopf. „Nein! Zuckerschock! Doch die eigentliche Todesursache ist viel verrückter. Denn Stoltenberg ist … äh … äh … zusammengesackt und dann langsam mit dem Kopf zu Boden geglitten. Als er dort lag, hat sich sein Körper so blöd auf die Seite gedreht, dass die linke Wange den Abfluss versperrte. Deshalb stieg das Wasser an, und kurz darauf ist Stoltenberg ertrunken. Als ihn seine Geliebte gegen drei Uhr morgens fand, war er bereits kalt und steif.“

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von mpowelz

Bald erscheint mein neuer Krimi "Die Einbalsamiererin"

Wenn ein Mensch stirbt, nimmt er seine dunkelsten Geheimnisse mit ins Grab – wenn er Glück hat. Denn bevor er zu Staub wird, kümmern sich Bestatter um ihn. Doch als Leiche liegt man nicht bei jedem richtig …

Hamburg/St. Pauli: Plötzlich schwimmen offene Särge mit Mordopfern auf den Fleeten. Kommissar Groll verdächtigt das Beerdigungsinstitut „Haus Grau“, in die Verbrechen verstrickt zu sein. Hier hat die versoffene Hartz-IV-Empfängerin Connie gerade ihre letzte Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen – für 450 Euro im Monat. Widerwillig hilft die übergewichtige Mittdreißigerin den Bestattern und Einbalsamierern bei der Arbeit – und kombiniert, dass der Mörder tatsächlich in „Haus Grau“ arbeitet. Doch wer ist er? Der Totengräber Mr. Todd? Der dubiose „Kisten-Klaus“? Oder gar die Chefin und Chemie-Expertin Frau Grau? Als Connie beim Einbalsamieren auf Spuren stößt, die von den Gerichtsmedizinern übersehen wurden, gerät sie selbst ins Visier des Mörders …

Eine rätselhafte Mordserie … Ein geheimnisvolles Pferd … Und ein verdächtiges Bestattungsinstitut …

Früher oder später landen wir alle bei Bestattern – egal, ob wir begraben, verbrannt oder verstreut werden. Doch was passiert wirklich hinter den Kulissen dieser Branche? Das wissen nur Bestatter selbst. Und bald auch Sie! Denn nach der Lektüre dieses Krimis sehen Sie den Tod und diejenigen, die täglich mit ihm zu tun haben, mit anderen Augen – und kennen die Antworten auf Fragen wie diese: Gibt es den perfekten Mord? Wie kommen Bestatter mit den ganzen Tragödien klar, die sie sehen? Wie werden optisch angegriffene Leichen – etwa nach dem Sprung von einem Hochhaus oder einer langen Chemotherapie – wieder vorzeigbar gemacht, und warum gehen Thanatopraktiker dafür in den Baumarkt? Welche Gifte täuschen einen natürlichen Tod vor – und welche sind nicht nachweisbar?

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von mpowelz

"Die Flockenleserin" auf Spanisch

"Terminal" heißt die spanische Übersetzung von Manuel Sanchéz Sanchéz von "Die Flockenleserin".

Und so sieht das Cover aus:

 

Vielen vielen Dank an Manuel!!

 

 

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Mike Powelz

@mikepowelzJournalist