Vorwort von Antonia Rados

Antonia Rados

Die Österreicherin, Jahrgang 1953, begann ihre TV-Laufbahn beim ORF, für den sie unter anderem in Washington tätig war. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde die promovierte Politologin spätestens vor zehn Jahren durch ihre Liveberichte aus Bagdad während des Irakkriegs. Die Kriegsreporterin des Senders RTL erhielt zahlreiche Preise, darunter den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus 2003. Im Jahr 2012 führte sie eines der letzten Exklusiv-Interviews mit dem libyschen Ex-Diktator Muammar el Gaddafi. Antonia Rados lebt in Paris.



In Afghanistan, wo ich Mike Powelz vor einigen Jahren während einer Reportage traf, gibt es das folgende Sprichwort: „Im Leben eines Mannes zählen nur zwei Tage. Der Tag seiner Hochzeit und der Tag seines Todes.“

Das Leben eines Afghanen oder einer Afghanin vor dem zweiten „wichtigen Tag“, dem Todestag, ist dabei meistens kurz, unsicher und das Ende gewalttätig. Bei Männern bringt der Krieg in der Regel den brutalen Tod. Zwangsverheiratete Frauen machen ihrem Leben freiwillig ein Ende. Sie verbrennen sich.

Eine solche Tragödie spielte sich ab, als Mike Powelz und ich in der afghanischen Stadt Herat waren. Eine Frau namens Gololai lag in einem Krankenhaus im Sterben. Sie war jung und hübsch. Und sie war unglücklich. Nach einer Woche starb sie unter grausamen Schmerzen, die sie sich selbst zugefügt hatte. Sie hatte sich mit Benzin übergossen.

An den Tod gewöhnt man sich nicht als Reporter, umso weniger, wenn es sich um eine junge Frau handelt. Jeder Tod ist ein lähmender Schock. Man verstummt, wie Mike Powelz und ich verstummten, als wir im Hof des Krankenhauses von Herat standen. Wie soll man sich verhalten in so einem Moment des langsamen, sicheren Sterbens? Noch dazu in einem Land, wo der Tag des Todes als „wichtiger Tag“ angesehen wird? 

Es waren überflüssige Sorgen über kulturelle Unterschiede.

Als Gololai begraben wurde, traf ich abseits des Trauerzuges ihren Onkel. Er sah aus wie ein strenger Moses mit rauschendem Bart. Er hatte seine Nichte, wie ich erfuhr, immer gut behandelt. Moses blieb vor mir stehen und sagte, dass Gololai nun in Allahs gnädigen Händen sei. Er hob die Arme gegen den Himmel und weinte.

Obwohl ich nicht sehr religiös bin, war ich berührt. Beinahe weinte ich mit. Der Onkel hatte Gololais Tod sich selbst und mir in ein anderes Licht gerückt. Ihn erträglicher gemacht. Dem Tod Flügel gegeben, falls man das so ausdrücken kann.

Wir brauchen diese Flügel. Oder wie der französische Dichter Paul Éluard einmal sagte: Der Mensch braucht Poesie im Leben!

Auch im Tod, müsste man hinzufügen.

Vor allem da, im Sterben, braucht er sie.

Im Roman von Mike Powelz bekommt das Sterben eine Portion „Poesie“. Sein Roman zeigt jemandem wie mir, der über Afghanistan etwas mehr weiß als über Europa, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind. Wir leben anders, doch im Sterben sind wir erschreckend gleich.

Altwerden nicht nur als pures Leiden zu erleben ist universell: Obwohl in Afghanistan mehr Menschen jung sterben als bei uns, gibt es dort Pensionisten mit und ohne Pension – wie bei uns. Sich um die zu kümmern ist Aufgabe der Großfamilie. Sie nimmt Vater und Mutter auf, daneben unzählige Onkel und Tanten, Großväter und Großmütter. Es wäre keine echte Familie, wären alle Familienmitglieder darüber glücklich. 

Alte Leute, die verhungern oder erfrieren, sind selten in Afghanistan. Es sind die wenigen Unglücklichen, die keine Verwandten mehr haben.

Im gut beobachteten Roman von Mike Powelz sind die Hospize – wie auch Altenheime – unsere neuen Familien. Sie kümmern sich um „unsere“ Väter und Mütter, Onkel und Tanten, weil unsere Großfamilien nicht mehr existieren. In den Hospizen wird getrauert und gelacht, gehasst und geliebt – wie in afghanischen Familien auch. Einziger Unterschied: Bei uns hebt am Tag von Begräbnissen kein Moses mit Tränen in den Augen die Hände gegen den Himmel. Vielleicht sollte man afghanische Onkel bei uns einführen.

Mike Powelz

@mikepowelzJournalist